»Und ich freue mich dessen! Aber von dem Bruder will ich alles wissen, liebes Fräulein Hartwig! Jemand, der eines andern sympathischen Menschen ganzer Lebensinhalt ist, soll mich doch wohl interessieren dürfen!«

»Ganzer Lebensinhalt! Damit haben Sie es getroffen! Das ist das Wort! Als er ein Knabe war, habe ich das nicht so gefühlt, obgleich er mir immer mehr ins Herz wuchs. Es ist doch erst allmählich so gekommen, als ich aufhörte, immer nur die Gebende, er der Nehmende zu sein! Jetzt, seit Jahren schon, ist es umgekehrt: er giebt, und ich nehme, und muß immer nur abwehren, nicht zuviel nehmen zu müssen!«

»Was ist aus ihm geworden? Hat er studiert?«

»Ja, er ist Arzt geworden! Die Studienjahre waren wohl schwer – pekuniär, meine ich – aber dann … seine Professoren haben sich alle für ihn interessiert, und wie ist er fleißig gewesen! Unvernünftig fleißig, sage ich Ihnen, Frau Doktor! Ich habe immer nur zu mahnen und zu bitten gehabt. Die Examina natürlich glanzvoll, die Dissertation Aufsehen erregend – ich bei alledem wie im Fieber … nicht, daß ich einen Augenblick am günstigen Ausgang zweifelte, aber nun war doch die Entscheidung über das ganze Schicksal da – der Beruf, das wichtigste für einen Mann – und ich hatte mich die ganze Zeit zuvor etwas überangestrengt, die Nerven spannten aus. Ich setzte all meine Kräfte ein, um ja nicht krank zu werden – es half mir nichts, ich wurde doch krank, aber mein junger Doktor der Medizin hat mich kuriert!«

»Und jetzt, nicht wahr, ist er ein gesuchter und geachteter Arzt in Stettin?«

»Sehr gesucht und sehr geachtet – zu sehr, möchte ich sagen. Schon Professor – und nun die große Praxis! Wenn ich so zurückdenke und sehe mich jetzt um! Wir haben eine schöne große Wohnung mit Garten, in dem das chemische Laboratorium steht – und prächtig alles eingerichtet – viel zu viel Bedienung nur, aber er läßt es ja nicht anders! Ich soll absolut gar nichts thun, muß leben wie eine Prinzessin. Und jetzt hat er mich hierher geschickt, ganz diktatorisch, nur Arzt, nicht Bruder! Mein nervöses Kopfleiden brauche Gebirgsluft und damit Punktum. Mein Gott, ja, das Kopfleiden habe ich, und ich fürchte, ich muß es auch behalten bis an mein seliges Ende – was ist denn an mir alten Person noch viel herumzudoktern? Wenn er es aber für notwendig hält – ich müßte nach China gehen, wenn er es für gut ansähe … ja, solch einen eisernen Willen hat er!«

»Sieht er Ihnen ähnlich?«

»Walter – mir? Ach, Gott bewahre, er sieht viel besser aus als ich! Das heißt, sie lachen mich oft in Stettin aus und sagen, hübsch könnte man ihn doch nicht nennen! Nun, ich weiß nicht! Soll denn ein Mann mit solch' großer, guter Figur, mit solchem bedeutenden Gesicht nicht hübsch sein? Es ist wahr, um die Schläfen herum wird er schon grau, und er ist kaum vierzig Jahre alt! Ich habe mein weißes Haar freilich noch früher bekommen – das war im Jahr siebzig, als er, kaum von der Schulbank herunter, als Freiwilliger in den französischen Krieg mitging – gar nicht zu halten, all' meine Angst und mein Flehen half nichts! Ich hab' ihn ja wieder bekommen, Gott sei ewig dafür gedankt, aber aus der Sorge um ihn werde ich zeitlebens nicht herauskommen! Er ist jetzt auch angegriffen – kein Wunder bei seiner Thätigkeit und den fachwissenschaftlichen Arbeiten, die er noch übernimmt – und doch ist er dies Jahr nur vier Wochen in Norderney gewesen, das ist die ganze Sommerfrische, die er sich gegönnt hat! Wie hab' ich ihn gebeten, mich von hier abzuholen, ein paar Wochen noch hier zu verweilen! »Vielleicht!« sagte er, aber das kenne ich schon! Steckt er erst einmal wieder in seiner Arbeit, dann läßt sie ihn sobald nicht mehr los!«

»Und er hat nie daran gedacht, Ihnen eine junge Schwägerin ins Haus zu bringen?«