»Ob er daran gedacht hat, kann ich nicht sagen, er ist sehr zurückhaltend in der Beziehung … gethan hat er's wenigstens nicht. Ach, und ich wäre so glücklich! Denn was ist eine alte Schwester gegen eine junge Frau! Er lacht, wenn ich das zu ihm sage, er behauptet immer, wir wären ein höchst passendes Paar und sehr glücklich verheiratet. Ich quäle ihn jetzt nicht mehr damit – wissen Sie, liebste Frau Doktor, vierzig Jahre sind bei einem Mann doch schon ein bedenkliches Alter! Ab und zu frag' ich ihn wohl noch einmal: »Walter, gefällt dir denn die und die nicht?« Dann nickt er ganz vergnügt und sagt: »Gewiß – sehr gut –« aber wenn ich ihn dann bedeutsam ansehe, lacht er mich aus und sagt: »Lottchen, heiraten ist nicht!« Er geht auch immer seltener zu Gesellschaften, obgleich er oft eingeladen wird. – So nach und nach such' ich mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß das so bleibt, wie es ist, wenn's mir auch bitter leid thut – auch um die Neffen und Nichten, die ich haben könnte! Ich habe solch' kleine Geschöpfe zu lieb, und mein Bruder ist ein vollständiger Kindernarr, er ist ja auch ein berühmter Kinderarzt, kein ernstlicher Fall von Kinderkrankheit, da man ihn nicht zu Rat zieht, und wie viele von den süßen kleinen Wesen hat er schon gerettet und von den Eltern überschwänglichen Dank geerntet!«

Fräulein Charlotte, die, von dem Gegenstand fortgerissen, immer eifriger und fließender gesprochen hatte, bemerkte hier zu ihrem Staunen, daß sich die schönen Augen ihrer Zuhörerin bei ihren letzten Worten mit plötzlichen schweren Thränen gefüllt hatten. Das alte Fräulein hielt bestürzt inne – sie hätte sich gern entschuldigt, wußte aber nicht recht, wofür. Frau Melitta legte ihr leise die Hand auf den Arm.

»Nichts – bitte beachten Sie das nicht! Ich danke Ihnen, daß Sie mir von Ihrem Leben erzählten – ich könnte Sie beneiden – schwer und sorgenvoll, wie es vielfach gewesen ist! Es war doch Leben, und Sie haben ein schönes Ziel erreicht! Ich hoffe, wir haben uns nicht zum letztenmal so eingehend unterhalten. Für jetzt muß ich Ihnen Lebewohl sagen! Erna! Komm' zu mir, mein Kind, wir müssen gehen!«

Die Kleine kam herbeigesprungen, beide Fäustchen voll Blumen, wahllos abgerissen, die meisten mit zu kurzen Stielen. Sie legte ein Sträußchen in Fräulein Hartwigs, das andere in ihrer Mutter Schoß.

»Da!« sagte sie mit einem frohen Aufatmen. »Eins für Mutterle, eins für Tante!«

»Vielen Dank, kleine Erna!« Charlotte zog das Kind an sich und küßte es. »Pflückst du denn aber für deinen Papa kein Sträußchen?«

Das Kind schüttelte so energisch sein Köpfchen, daß ihm die dunklen Locken um die Stirn tanzten.

»Nie! Der mag das nimmer! Hat die Blumen nicht lieb. Gelt, Mama, jetzt kommt der Papa bald heim von dem Ding, was er trinken gegangen ist?«

Die beiden Damen lachten.