Charlotte sah sich ratlos um. Gerade kam wieder die Hauswirtin eilfertig aus der Thür.

»Frau Eigener, auf einen Augenblick, bitte! Sagen Sie doch, giebt es hier im Ort einen Arzt?«

»Wir haben schon einen, gnä' Fräul'n, aber der ist jetzt nach München, da haben's ein Kongreß oder wie man's heißt. Vertreter hat er kein' g'funden – bei uns kommt halt selten was von Krankheit!«

»Und wo wäre der nächste Arzt zu finden?«

»Der nächst'? Drei starke Stund'n droben im G'birg. Haben gnä' Fräul'n Schmerzen?«

»Ich nicht – mir will scheinen, die Kleine ist krank!«

»O, die, das herzig' Hascherl! Was hast denn, Mädi, gelt? Wird sich haben 's Magerl bissel überladen – aber wegen dem brauchen gnä' Fräul'n nicht sorgen: der Herr Papa sind ja selber ein Doktor! Und wann er heut' Abend noch nicht da ist – ich koch' halt mein Thee, mein' Wurzenthee, der macht's Herzel wieder g'sund, der hilft für alles, 's ist schon wahr – für alles!«

Diese treuherzige Versicherung sollte sich nicht bewahrheiten. Das Kind war matt und unlustig, weigerte sich, zu essen, gab kaum Antwort, wenn man zu ihm sprach, und zeigte nur Neigung, sich niederzusetzen und den Kopf anzulegen. Ab und zu öffnete es die heißen Augen und sagte kläglich: »Mama!« Von Friederike wollte es nichts wissen, es blieb beinahe den ganzen Tag bei Fräulein Charlotte. Den vielgerühmten Thee, den Frau Eigener selbst heraufbrachte, trank es, auf Charlottens freundliches Zureden, gehorsam aus, aber die kleinen Händchen fühlten sich brennend heiß an, und der Blick blieb trübe.

Am anderen Morgen hatte sich der Zustand wenig geändert. Friederike behauptete, die Kleine habe ganz gut geschlafen, und bestand darauf, sie aufzunehmen und anzukleiden – niemals würde Herr Doktor erlauben, Erna wegen einer solchen Bagatelle im Bett zu halten. Charlotte schüttelte stumm den Kopf dazu, sie wußte sich keinen Rat. Nach ihrer Meinung war das Kind krank und bedurfte des Arztes – vielleicht aber war sie zu ängstlich, und es handelte sich wirklich nur um eine Magenverstimmung, die ihre Zeit ausdauern mußte! – Der schöne, goldene Sommertag schlich so hin. Das alte Fräulein hatte keinen Genuß und keine Ruhe bei ihrem interessanten Buch, sie mußte an das Kind denken. Von ihrem Spaziergang kam sie viel rascher als sonst zurück – die Sorge um das Kind trieb sie heim. Das kleine Geschöpf saß im Garten, den Kopf gegen Friederikes Kniee gelehnt, die Augen geschlossen. Auf Fräulein Hartwigs Frage, warum das Mädchen die Kleine nicht auf den Schoß nehme, hieß es: »Herr Doktor haben das verboten – – das verweichlicht die Kinder!« – Hier wurden die Vorschriften des Herrn buchstäblich befolgt, das sah man zur Genüge. – Als Erna die bekannte Stimme hörte, schlug sie die Augen auf und murmelte wieder sehnsüchtig: »Mama!« Ohne ein Wort weiter an Friederike zu richten, setzte sich Charlotte neben sie auf die Bank, hob das Kind auf ihre Kniee und ließ es sein Köpfchen gegen ihre Schulter legen. Erna seufzte erleichtert auf, klammerte ihre heißen Fingerchen um Fräulein Hartwigs Hand und blieb regungslos sitzen.