So kam endlich der Abend heran, und die Gebirgswanderer stellten sich ein – sichtlich sehr ermüdet und, wie es schien, ziemlich verstimmt. Frau Rothe stützte sich offenbar schwer erschöpft auf ihres Mannes Arm und erklärte, nichts mehr sehen und genießen zu wollen – sie müsse nur Ruhe, endlich Ruhe haben! Diesmal stimmte ihr der Landrat ohne weiteres zu, augenscheinlich that ihm seine Frau leid, und er zeigte sich mit den eigenmächtigen Dispositionen seines Freundes Schott heute nicht so einverstanden wie sonst, denn sein Dank kam kurz und kühl heraus, und sein schwerfälliger hinkender Gang bewies zur Genüge, daß auch ihm die forcierte Fußtour schlecht bekommen war. Der Leutnant – nicht mehr so kokett und adrett anzusehen, wie am gestrigen Morgen – wich nicht von Melittas Seite und fragte immer wieder, ganz leise, damit es Schott nur ja nicht hörte, ob die gnädigste Frau sich auch wirklich wohl fühle – die gnädigste Frau, das wisse er, könne ja außerordentlich viel leisten und habe einen ganz ungewöhnlich starken Willen, eine geradezu bewunderungswürdige Selbstbeherrschung – aber die Gnädige sei so blaß, und das wäre am Ende nur natürlich, denn diese Parforcetour – anders könne man sie in der That nicht nennen – hätte auch robustere Konstitutionen als die einer Dame angreifen können. Immer wieder antwortete die junge Frau, ihr sei ganz wohl, es dürfe sich niemand um ihretwillen beunruhigen – aber sie sprach schließlich ganz mechanisch dasselbe und wartete nur im stillen ungeduldig darauf, daß die Fremden endlich in ihr Hotel gingen – es fiel ihr auf, daß ihr Töchterchen ihr nicht, wie sonst, entgegengesprungen kam – hatte Friederike denn heute ausnahmsweise das Kind so früh zu Bett gebracht?
Doktor Schott stand mit seinem überlegenen Lächeln, sich den Bart streichend, da, er schien an der ganzen übermüdeten Gesellschaft recht seine Freude zu haben. Ihm fehlte nichts, er hielt sich aufrecht, wie immer, die ganze Tour war ihm ein Kinderspiel gewesen. Lächerlich, was das alles für weichliche, entnervte Menschen waren – konnten nicht einmal ein paar Berge ersteigen! Da war er aus anderem Stoff, er kannte keine Nerven, hatte sich von früher Jugend an gehörig abgehärtet und machte sich einfach lustig über die Geschichte von der verschiedenen Beanlagung und körperlichen Differenz des Menschen. Sie sollten nur vernünftig leben, den Körper gehörig stählen, dann würde man schon sehen! Er hatte Medizin studiert und Naturheilkunde – er mußte es doch wahrhaftig wissen! Nun, seine eigene Frau würde er sich allmählich noch zum Genossen heranziehen, sie war auf gutem Wege, das Klagen hatte sie sich schon vollständig abgewöhnt, mit der Zeit würde sich noch die Freudigkeit einfinden, die er vorläufig noch an ihr vermißte!
Er lächelte spöttisch auf das zusammengebrochene landrätliche Paar herab und hatte sein Vergnügen daran, die beiden immer wieder durch eine erneute Frage oder Beantwortung zurückzuhalten, sowie auch seine Frau, der die Ungeduld aus den Augen sah. Der Leutnant war ins Haus gestürzt und kam mit ein paar gefüllten Weingläsern heraus – die Damen müßten sich durchaus vorerst ein wenig stärken, seine Schwägerin habe noch ein Stück zu gehen bis zu ihrem Hotel. Nach dem Doktor sah er sich kein einziges Mal um, während er seinen Labetrunk austeilte; der Mann war in seinen Augen roh und herzlos, ein paar harmlose Leute, die die Gegend nicht kannten, so ohne weiteres in die Berge zu schleppen und dann noch hier zu stehen und spöttische Mienen zu ziehen und so unausstehlich maliziös zu lächeln! –
Endlich verabschiedete man sich voneinander – Melitta hastete die Treppenstufen empor und that, als hörte sie es nicht, daß ihr Mann in zurechtweisendem Ton ihren Namen rief.
In dem kleinen Hausflur trat ihr Charlotte Hartwig entgegen.
»Grüß' Sie Gott, liebste Frau Doktor – wie gut, daß Sie wieder hier sind! Soeben habe ich Ihre Kleine ins Bett gelegt, sie kommt mir schon seit gestern nicht recht frisch vor – nein, nein, Sie dürfen mich nicht so erschrocken ansehen! Friederike meint ja, es sei überhaupt gar nichts, und vielleicht hat sie auch recht, und ich bin zu ängstlich – sehen Sie, es sind nun schon gar zu viele Jahre her, seit ich bei meinem Walter Kinderkrankheiten behandelt habe!«
Die junge Frau hatte gar nicht zu Ende gehört, sie ergriff Fräulein Charlotte bei der Hand und zog sie hinter sich her in das Stübchen, in dem Erna lag. Friederike saß mit dem Strickstrumpf programmmäßig neben dem kleinen Bett und begrüßte ihre Herrin mit pflichtgemäßer Höflichkeit.
»Das gnädige Fräulein hat angeordnet, daß Erna zu Bett soll – ich habe mir nicht erlauben können, dem gnädigen Fräulein zu widersprechen. Erna hat gestern und heute sehr wenig gegessen und nicht viel Lust zum Spielen gezeigt – ich nehme an, sie hat sich den Magen verdorben!«
Melitta beugte sich tief über das Bettchen des Kindes, das in einem unruhigen Halbschlaf lag.
»Der Atem kommt so stoßweise – und wie heiß sie ist – finden Sie nicht?« flüsterte Melitta.