»Mir kommt das Kind verändert vor, und wenn es nach mir ginge, so schickten Sie zum Arzt, und wäre es nur, um sich Beruhigung zu verschaffen. Freilich wird das bis morgen bleiben müssen, denn der hiesige Arzt ist in München, bis zum nächsten Flecken sind es mehr als drei Stunden, und in einer kleinen halben Stunde ist es finster. Bin ich aber einfältig!« unterbrach sich plötzlich Charlotte und zuckte, wie in Geringschätzung ihrer selbst, die Achseln. »Da rede und rede ich immer vom Arzt und vergesse ganz: Sie haben ja die beste Hilfe bei der Hand – Ihr Herr Gemahl ist ja Mediziner und wird sicher –«
Hier verwirrte sich die Rednerin von neuem, denn aus Melittas Augen traf sie ein Blick, den sie sich nicht erklären konnte – Furcht und Widerspruch lag darin, und über allem ein leidenschaftlicher Schmerz, wie er ein paarmal schon plötzlich und unvermittelt aus diesen schönen Frauenaugen gesprochen hatte.
Man hörte einen festen Schritt auf der Treppe.
»Ich bitte, bleiben Sie!« flüsterte die junge Frau und faßte Charlottens Hand noch fester. »Lassen Sie mich nicht allein – ich bitte Sie!«
»Aber mein liebes Kind –«
»O, ich bitte Sie!«
»Nun, wo steckt denn Erna?« fragte Doktor Schott noch an der Thür. »Ah, Pardon – ich wußte nicht, daß du hier Besuch empfängst, Melitta. Fehlt dem Kinde etwas? Warum liegt es im Bett?«
»Erna hat entschieden hohes Fieber – sie ist seit gestern –«
»Nun, wir werden ja sehen! Wie war es, Friederike?«
Das Mädchen wiederholte Wort für Wort ihre Anrede an die junge Frau.