»Hör' mich an, Melitta – du mußt mich anhören!«

Sie war gezwungen, ihm den Willen zu thun, sie hätte Stühle beiseite rücken müssen, um an ihm vorüberzukommen; jede unvorsichtige Bewegung konnte das Kind wecken. Der Blick aber, mit dem die junge Frau zu ihrem Gatten emporsah, hätte diesen warnen müssen – es war offene Feindschaft darin, eine finstere Entschlossenheit, endlich ein Joch von sich abzuschütteln, das sie nicht länger ertragen wollte und konnte.

Auch Doktor Schott sah erregt aus. In sein dunkles, edelgebildetes Gesicht war eine jähe Röte gestiegen, auf der Stirn standen zwei tiefe Furchen. Diejenige Eigenschaft in ihm, die seinem ganzen Wesen die Richtung gab – eine maßlose Eitelkeit! – hatte einen empfindlichen Stoß erhalten. Seine Frau hatte in der ersten Zeit ihrer Ehe wohl oft widersprochen, sie hatte sich nicht willig in alles gefügt, es war zu sehr heftigen Scenen gekommen. Allgemach aber hatte das aufgehört – das schrieb er selbstverständlich seiner Konsequenz, seiner Energie zu – er war eben der Stärkere gewesen, er hatte ihr das nutzlose »Räsonnieren« abgewöhnt. Daß sie in der Stille noch hundertmal protestierte, daß sie mit eiserner Selbstbeherrschung schwieg, duldete bis zum äußersten, um des Kindes willen – dieser Gedanke war ihm nie gekommen. Jetzt kam er ihm! Diese Frau, die ihn so schonungslos kritisierte, so scharf beobachtete, war nicht zum Schweigen und Nachgeben aufgelegt, hier, wo es sich um ihr wichtigstes, ihr Kind, handelte. Zum erstenmal sagte er sich, daß das Kind vielleicht das einzige Band sei, das diese Frau an ihn fesselte, und daß, wenn dieses Band zerriß …

Er nagte die Unterlippe und starrte mit brennenden Augen nach dem kleinen Bett hinüber, zwischen dessen weißen Kissen das fieberglühende Köpfchen lag.

»So sprich!« drängte Melitta ungeduldig – ganz mechanisch rieb sie ihre schmerzenden Handgelenke – sie sah neben ihm weg nach der Thür.

»Du mahnst mich an mein Ehrenwort – es ist wahr, ich gab es dir – aber in welcher Situation? Du wirst kaum mehr wissen, wie es damals um dich stand –«

»O ja,« unterbrach sie ihn, »ich weiß noch alles – alles!« Sie schauderte in sich zusammen.

»Dein ganzes Sein war aus den Fugen, man mußte ernstlich für deinen Verstand fürchten. Als du damals jenes – – jenes – Versprechen von mir fordertest, hielt ich mich, als Mensch sowohl, wie als Arzt, für verpflichtet, es dir zu geben; ich hätte dir damals, um dich einigermaßen zu beruhigen, jedes Versprechen gegeben, das du verlangtest!«

»Das will ich dir glauben! Es ist ja so leicht, Versprechungen zu machen, wenn man nicht gesonnen ist, sie zu halten!«