»Es könnte eher die Rede davon sein, dies zu thun, ich sagte es dir schon, wenn wir etwa in einer größeren Stadt –«

»Du hast mir dein Wort ohne jede Bedingung gegeben, ich verlange von dir, daß du es hältst!«

»Melitta, ich bitte dich, bedenke: was würde man hier von mir sagen, in welchem Licht stände ich vor den Leuten da? Man weiß hier allgemein, daß ich Arzt bin –«

»Du bist kein Arzt, du hast Chemie studiert, hast als junger Mensch von dreiundzwanzig Jahren den chemischen Doktor gemacht, und dann, durch die Erbschaft deines Vetters unabhängig geworden, hast du in den verschiedensten Wissenschaften herumdilettiert …«

»Du nimmst das Wort zurück, Melitta!«

»Ich sehe keine Veranlassung dazu! Du hast auf vielen Gebieten Studien gemacht, eifrige Studien, ich will es zugeben, aber um etwas Tüchtiges zu leisten, gehört mehr als bloßes Theoretisieren: dir fehlt die Erfahrung, ohne die man auf keinem Gebiet wirksam sein kann – und diese Thatsache, die du in deiner blinden Selbstüberschätzung geflissentlich ignoriert hast, hat meinem Knaben das Leben gekostet!«

Der Doktor war weiß geworden bis in die Lippen hinein, seine Hände ballten sich, er trat ganz dicht an seine Frau heran. Sie wich nicht zurück und sah ihm furchtlos in die Augen.

Es trat eine Pause ein.

»Und du glaubst« – seine Stimme klang heiser – »irgend ein Charlatan, der vor seinen Professoren die Prüfung bestanden hat und auf seinem Schild den Titel »praktischer Arzt« führt, hätte unseren Knaben gerettet?«

»Ich weiß das nicht – Gott allein ist Herr über Leben und Tod … ja, Gott allein, ob du noch so verächtlich den Kopf dazu schüttelst! Die klügsten, besten Ärzte werden oft daran erinnert – es ist unrecht von dir, sie Charlatane zu nennen, weil ihre Wissenschaft noch in der Entwickelung begriffen ist und sie für viele Krankheiten noch kein Heilmittel gefunden haben – vielleicht auch nie eines finden werden. Aber in all' dem Schmerz wünscht der Mensch das eine: sich sagen zu können, er habe nichts versäumt, er habe alles das gethan, was in seinen Kräften stand, und kein Vorwurf kann ihn treffen. Ich aber mache mir Vorwürfe, Tag für Tag, nun schon seit mehr als einem Jahr – bittere, bittere Vorwürfe, daß ich nicht that, was einfach meine Pflicht war gegen meinen Knaben! Weh' mir, daß ich ihn vor mir sehe, beinahe jede Nacht im Traum, wie er seine kleinen Hände nach mir ausstreckte und um Atem rang – und wie er dann hintenüberfiel und steif und leblos ausgestreckt blieb – tot – mein Glück, mein Stolz, meine Zukunft! Und jetzt, da mein letztes auf dem Spiel steht, soll ich fragen, wie die Leute sich alles zusammenreimen werden und welches Licht auf dich fällt? Damals hab' ich auf den Knieen vor dir gelegen und um Hilfe gefleht für mein Kind – ich weiß es noch, daß ich, ehe die lange und tiefe Ohnmacht sich über mich erbarmte, ohne Aufhören geschrieen habe: »Ein Arzt! Ein Arzt!« Es war da freilich schon zu spät, das Kind lag schon im Todeskampf. – Jetzt werde ich nicht mehr knieen vor dir und dich bitten – ich erwarte von dir, daß du dein Wort hältst – erwarte es als mein gutes Recht!«