»Und wenn ich deinen Willen nicht erfüllen kann?«
»Setz' deine Worte anders! Du meinst, wenn du wortbrüchig wirst? Dann bist du ehrlos in meinen Augen, und ich werde nicht eine Stunde länger neben dir leben. Ich werde mein Kind nehmen und gehen!«
»Du willst es machen wie Ibsens Nora, für die sich deine überreizte Phantasie –«
Sie war an ihm vorüber zur Thür gegangen und hatte die Hand auf dem Drücker. Noch einmal wandte sie sich zu ihm zurück.
»Ich habe keine überreizte Phantasie, und hätte ich mir Ibsens Nora, die ich freilich gut genug verstehe, zum Vorbild genommen, dann wäre ich lange schon gegangen, denn ich weiß seit Jahren, daß unsere Seelen einander fremd sind und sich nie zusammenfinden können. Aber dir meine Kinder lassen, wie Nora es thut – von ihnen fortgehen … nein, das konnte ich nicht! Ich habe Komödie vor fremden Leuten gespielt und mehr gelitten innerlich, als du ahnst und jemals ahnen wirst … thust du mir dies letzte aber an, dann kann ich nicht mehr neben dir weiterleben!«
Die Augen flammten aus dem blassen, reizenden Gesicht heraus, die Lippen waren dunkel gerötet. Seltsam und schön war die junge Frau in dem malerischen Nationalkostüm der bayerischen Tracht, das sie auf der Gletschertour getragen und noch nicht Zeit gefunden hatte, abzulegen. Die zerzausten blonden Löckchen hingen ihr wirr in die schmale, feine Stirn, ihre biegsame, elegante Gestalt trat plastisch hervor in dem dunklen, knappen, mit Silberketten verschnürten Mieder und dem hellgeblümten Brusttuch.
Doktor Schott fixierte das reizvolle Bild unter halbgesenkten Lidern; um seine Lippen vibrierte es.
»Gut!« sagte er langsam, in einem völlig veränderten Ton. »Hab' denn deinen Willen!«
Sie sah ihn mißtrauisch an, aber es war keine Zeit mehr zum Überlegen. In der nächsten Sekunde stand sie in dem kleinen Hausflur, erschrocken, zu bemerken, wie rasch die Dunkelheit eingefallen war. Das kleine Flurlämpchen war noch nicht angezündet – kaum sah man in dem matten Dämmerlicht noch die Stufen der steilen Treppe, die nach unten führte.
Es dauerte eine Weile, bis Frau Eigener zu finden war. Soeben war sie doch noch in der Leuteküche gewesen – nein, in der Herrenküche! Bewahre, Resi hatte sie in der Milchkammer gesehen – da war sie eben fort – ob sie nicht im Vorratsraum steckte? Zuletzt kam sie gemächlich, einen Leuchter mit brennender Kerze in der Hand, die Kellertreppe heraufspaziert. Atemlos stürzte die junge Frau ihr entgegen.