Frau Eigener sah sehr mitleidig und bekümmert drein, als sie hörte, um was es sich handelte – aber noch während Melitta sprach, schüttelte sie bedauernd den Kopf.
»Heut' Abend noch? Und 'nauf bis Leuten? Aber nein, aber nein, um 's Herrgotts willen, das ist ja rein unmöglich! Das ist ja ein Weg – ja, so ein Weg, da muß man beim Tag schon gut zusehen – alleweil hoch hinauf und steilzu, und g'fährliche Brucken hat's von Baumstämmen und Wildbäch' und schlimme Stiegen – und sehn's eben, Frau Doktorin, wen sollt' ich schicken? Meine beiden Leut', wo sicher sind, der Alois und der Pauli, die sind zur Stadt mit 's Getreid' – und 's Peterle – du liebe Zeit, das ist noch so jung und so dumm, das könnt' ich nicht 'mal beim Tag da hinaufkraxeln lass'n, und ich hab' die Verantwortung, 's Peterle hat noch ein' Mutter und ist ihr einz'ger – no, und von die Weibsleut' kann gar schon nimmer die Red' sein, hinauf nach Leuten!«
»Aber – aber …« die junge Frau faßte flehentlich die Hände der Hauswirtin … »Jemand aus dem Dorf wird doch – muß doch – ich will zahlen soviel wie« –
»Ja wär' schon ganz recht, Frau Doktorin, bei Nacht thut's keiner und wenn's ihm wollten beid' Händ' voll Gold füllen. Schaun's auch, was hätt's für Vernunft? Wer mit Vorsicht geht – und die braucht's bei so an Gebirgsweg! – der wandert bei Nacht mit Latern' und allem gut seine fünf, sechs Stund'n, und bei Tag thut sich's in drei! 's ist egal dieselbe Zeit, und man hat kein' Angst auszusteh'n, daß sich selbiger thut versteig'n oder 'nunterrutschen. Nu mein' ich so, Frau Doktorin: allsowie 's Frührot dämmert, bloß ein Schimmer und ein Flimmer, geht's Peterle los, da ist es um acht Uhr für's spätest' beim Medikus – und der hat ein Wägele und kann halt ein Stückl fahren, freilich bloß bis zum nächsten Dörfl, aber Zeit sparen thut's doch – und da is er eben um halb Elf, hin zu Elf, da. Das ist das best', ist das einzigst', was wir thun können, und thun will ich's und 's Peterle treiben, als wenn mein eigenes Mädel daliegen und warten thät'! Und Frau Doktorin müssen jetzt hübsch 'naufgehen und was bequemes auf sich ziehen, statt dem Zeug, und ein festes, warmes Abendbrot müssen's essen – ich schick's nachher gleich 'nauf mit der Resi – und 's Erna-Schätzel wird 'leicht kaum so viel krank sein, Frau Doktorin sind so in Angst, weil's bloß das eine haben – aber 's Mäderl ist so rund und so schön immer g'wesen, wie'n Apferl, das kommt wieder zuweg. Und der Herr G'mahl, der Herr Doktor« – hier stockte die zungenfertige Rede, Frau Eigener machte große, runde Augen und schlug sich dann mit der flachen Hand schallend auf den Mund. »Nu, dös is aber – aber dös is kurios! Der Herr Doktor sind doch selber 'n Herr Doktor – jetzt dieselbig' Minut' fallt mir's ein! – der muß doch am besten wissen, was 'm Kindl fehlt, so grausam g'scheit, wie er thut – wegen was wollen denn Frau Doktorin den alten Medikus holen lassen aus Leuten?«
»Ist er kein tüchtiger Arzt? Haben Sie kein Zutrauen zu ihm?«
Frau Eigener kehrte die Handflächen nach außen.
»Ich kenn' ihn wenig, hab' ihn nie beim Krankenbett g'sehen – wenn bei uns eins siech g'wesen ist, haben wir unseren eigenen Herrn Doktor, der in München jetzt ist, holen lassen – der ist sehr brav und g'scheit!«
»Und die Leute? Was sagen die?«
»Heil'ger Vater Joseph – die Leut'! Soviel Köpf', soviel Sinne! Der sagt eins so und der zweit' anders – und der dritt' wieder so! Mag schon ein guter Herr sein – aber eben alt doch und bissel für sein' Bequemlichkeit und 's gute Leben!«