Die junge Frau seufzte aus tiefster Beklommenheit.
»Will denn der Herr G'mahl für G'walt ein' zweiten Arzt?«
Melitta blieb die direkte Antwort schuldig. Sie faßte noch einmal bittend die beiden Hände der Frau und fragte mit Thränen in den Augen: »Sie können nicht noch heute Abend schicken? Wirklich nicht?«
»Bei Nacht wahr und wahrhaftig nimmer, so bitterlich leid mir's ist! 's hat ka Sinn und ka Zweck, der Bot' braucht dieselbig' Zeit, wie wenn er bei der Fruha geht, da verschwör' ich mein ewig's Heil dabei! 's ist mir so herzlich leid – bitte, bitte, nit weinen, Frau Doktorin!«
Die junge Frau senkte das Köpfchen und ging langsam, langsam wieder der Treppe zu; es war, als hoffe sie, die Hauswirtin würde sie doch noch einmal zurückrufen.
Aber das geschah nicht.
Auf der obersten Stufe stand Charlotte Hartwig und wartete. Sie legte einen Arm um Melitta und zog sie sanft an sich. »Nicht wahr, mein liebes Kind,« flüsterte sie, und ihre Stimme klang liebkosend und weich, wie die einer Mutter, »Sie sind mir nicht böse über das, was ich zuvor sagte, und Sie beurteilen mich nicht falsch, wenn ich jetzt nicht mit Ihnen komme und Ihnen für die Nacht meine Dienste anbiete? Gott weiß es, ich thäte es herzlich gern, und wer weiß, ob ich mich Ihnen nicht doch ein wenig nützlich machen könnte; … aber, wie die Dinge liegen, ist es am Ende besser, ich bleibe in meinem Stübchen. Meine Anwesenheit könnte die Situation vielleicht verschlimmern. Sollte es sich aber ereignen, daß Sie allein sind und mich brauchen können … ich habe einen sehr leisen Schlaf und bin in fünf Minuten bei Ihnen! Was meinen Sie?« – Statt aller Antwort umfaßte Melitta das alte Fräulein und drückte ihre frischen, weichen Lippen auf die welke Wange. Es machte keinen Eindruck auf sie, daß sich die Thür geräuschlos öffnete und ihr Mann heraussah. Er maß die beiden eng umschlungenen Frauengestalten mit einem kalten, spöttischen Blick, aber Melitta ließ Fräulein Charlotte nicht los, sie fragte nur mit gedämpfter Stimme: »Ist Erna wieder wach?«
»Nein – hast du mit Frau Eigener gesprochen?«
»Für heute ist es unmöglich, morgen mit dem frühesten will sie einen Boten nach Leuten schicken!«
»Wie – Sie wollen einen anderen Arzt zuziehen?« fragte Charlotte erstaunt.