Doktor Schott zuckte zusammen und sah sie über die Schulter hochmütig an, als wolle er fragen: was geht dich das an? während Melitta erwiderte: »Ja, es geschieht auf meine Veranlassung!«
Offenbares Erstaunen spiegelte sich in Charlottens Mienen wieder – wie kam ein so selbstherrlicher, geistesstolzer Mann wie Doktor Schott dazu, einen alten, obskuren Gebirgsarzt zu Rate zu ziehen? Ohne ihrem Befremden Worte zu verleihen, zog sich das alte Fräulein, mit einem letzten Händedruck für Melitta, auf ihr Zimmer zurück.
Die junge Frau fand Erna, wie sie sie verlassen hatte: in unruhigem Halbschlaf, den Kopf zwischen den Kissen hin- und herdrehend, die Löckchen feucht und heiß um die Schläfen geklebt. Ab und zu lallte der kleine, halboffene Mund einen einzelnen Laut, die Hände ballten sich, lösten sich wieder, und der Atem ging kurz und laut.
Melitta hatte lange über das Bettchen geneigt gestanden, jetzt schlich sie auf den Fußspitzen zum Nebenzimmer, dessen Thür sie offen ließ, um die Kleider zu wechseln. Sie zog die Nadeln, die sie drückten, aus dem Haar und war in dem weißen Morgenkleide mit dem offenen, seidenweichen Blondhaar um die Schultern reizender denn je.
Es klopfte kaum hörbar an die Thür – Resi brachte das Abendessen herauf. Mit einem mitleidigen Seufzer blickte sie nach dem kleinen Bett hinüber und ging rückwärts auf Strümpfen zur Thür hinaus. Das gesamte Hauspersonal liebte Erna und schwärmte für die junge Frau.
»Möchtest du nicht etwas essen, Melitta?« fragte der Doktor. Sie schüttelte stumm den Kopf und rückte ihren Stuhl dicht neben das Kinderbett.
»Du solltest doch. Trink wenigstens ein Glas Wein!«
Erneutes Kopfschütteln … dann, da er mit dem gefüllten Weinglas dicht vor ihr stehen blieb und sie seine Beharrlichkeit, die sie oft bis zur Verzweiflung getrieben, genügend kannte, setzte sie mit Überwindung das Glas an die Lippen und gab es ihm geleert zurück. Noch immer blieb er dicht vor ihr stehen und sah sie unverwandt an – ihr stieg eine fliegende Röte in das weiße Gesicht, und halb mechanisch griffen ihre Hände in das offene Haar, um es zusammenzuflechten.
»Laß doch – bitte – laß!« sagte seine flüsternde Stimme. »Du bist am schönsten so!« Seine Hand suchte die ihre zurückzuhalten und geriet in das üppige, weiche Haar. Mit einem gestammelten Laut brachte er es an seine Lippen.