»Alles, alles soll das Kind haben!«

»Erna auf Mamas Schoß sitzen!«

Die Fieberunruhe packte und schüttelte das Kind gewaltig. Kaum hatte Melitta es in die Decke gewickelt und auf ihre Kniee genommen, da strebte es auch schon wieder ins Bett zurück – dann war das Bett ein kleiner Kahn, der auf dem Wasser fuhr, und Mama sollte ihn rudern und Erna schaukeln … aber tüchtig schaukeln, daß es spritzte! Und wo all die Vögelchen herkamen, die bunten, die immerfort um den Kahn flogen! Konnte Mama die denn nicht sehen? Aber sie kamen doch so dicht, so dicht an Ernas Kopf heran, rote und grüne und blaue, auch goldene, und wie sie sangen! Die Händchen griffen in die Luft, so hoch sie konnten, und faßten wieder Melittas Haar und verstrickten sich darin – jetzt war es ein Netz, in dem Erna kleine silberne Fische fangen wollte – dazu mußte sie doch ihr Netz auswerfen! Sie faßte das Haar mit aller Kraft und schleuderte es von sich, daß es wie ein Goldschleier über das weiße Bett gebreitet war.

Doktor Schott stand ganz zurück, so daß das kranke Kind ihn nicht sehen konnte; auf seiner Stirn waren finstere Falten, sein Atem kam gepreßt. Kaum konnte er dem Thun der beiden zusehen, es regte ihn namenlos auf. Er hatte die Kleine wohl lieb, wenigstens meinte er so, wenn er sich auch innerlich gestand, mit dem Sohn sei es anders gewesen. Den hatte er seinen »Kronprinzen« genannt, mit dessen Erziehung hatte er ein Meisterstück machen, hatte den Leuten zeigen wollen, wieviel, bei vernünftiger Leitung, aus einem geistig wie körperlich gut beanlagten Knaben werden könne. Das Töchterchen – – das blieb mehr der Frau überlassen, obgleich er selbstverständlich dafür Sorge tragen wollte, daß es die heutige verrückte Mädchenerziehung nicht bekommen dürfe … in seinem Hause, unter seinen Augen mußte alles »rationell« angefangen werden! – Jetzt, seit einem Jahr, da Erna sein einziges Kind geworden war, hielt der Doktor es für seine Pflicht, schärfer zuzufassen – Melitta verstand sich ja unglaublich schlecht auf die Behandlung von Kindern, sie hatte es ihm schon bei dem Sohn schwer genug gemacht, der allerdings in allen Stücken seiner Mutter Ebenbild war und mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an ihr hing, ebenso, wie sie an ihm! Die leiblichen Mütter waren in des Doktors Augen die ungeeignetsten Erzieherinnen der Welt für ihre Kinder, fortwährend verloren sie das Ziel, um das es sich handelte, aus den Augen, begingen eine Inkonsequenz um die andere und ließen sich immer nur von ihren persönlichen Empfindungen leiten!

Auch jetzt wieder! Gewiß, das Kind war krank, das sah man ja, sehr krank sogar – aber mußte man ihm darum sklavisch jeden Willen thun? Es wäre viel nützlicher gewesen, ihm ernst zuzureden, es vielleicht, wenn das nichts half, tüchtig anzuschreien, es einzuschüchtern – dann hätte es ruhig gelegen und sich besser befunden. Es war eine Schwäche von ihm, dem Vater, daß er diese Unvernunft ruhig mit ansah, nicht, wie sonst, seinen Willen durchsetzte! Es war ihm eben nicht behaglich zu Mut! Melittas Ton und Blick wollte ihm nicht aus dem Sinn, als sie ihm vor einer Stunde zugerufen: »Dann bist du ehrlos in meinen Augen, und ich werde nicht einen Tag länger neben dir leben. Ich werde mein Kind nehmen und gehen!«

Nun, das waren große Worte, die weiter keine Bedeutung hatten! Damit sind ja die Frauen so leicht bei der Hand! Ehrlos! Lächerlich! Weil er nicht gesonnen war, sich der Kontrolle, der Bevormundung irgend eines Dorfquacksalbers zu unterwerfen, sich zum Gespött der Leute machen zu lassen! Und gehen! Ja, wohin denn? Ihre nächsten Angehörigen waren tot, mit den entfernten Verwandten hatte sie keine Fühlung – er hatte Sorge dafür getragen, er hatte sie gänzlich isoliert – es »ging« sich nicht so ohne weiteres für eine Frau, die kein eigenes Vermögen besaß und, schön und verwöhnt wie sie war, vom wirklichen Leben und seinen Anforderungen so gut wie nichts wußte. Er glaubte auch keinen Augenblick ernstlich an solche Drohungen – nur sah er, daß sie jetzt maßlos erregt war und daß er nichts thun durfte, sie noch mehr zu reizen. In ihren Augen hatte, als er ihr Haar küßte, ein Ausdruck gelegen – – er konnte ihn mit nichts anderem bezeichnen als mit Widerwillen. Und wenn … Unsinn! Sie war außer sich vor Angst gewesen damals um den Knaben – sie war außer sich vor Angst jetzt um das Mädchen – doppelt weil es ihr letztes, ihr einziges Kind war! Frauen aber, die Furcht und Erregung halb von Sinnen bringt, darf man für ihre Blicke nicht verantwortlich machen, solche Blicke zählen nicht mit!

Und so sah denn Doktor Schott scheinbar ganz gelassen zu, wie seine Frau das Kind aus dem Bettchen nahm und wieder hineinlegte – und nochmals aufnahm und von neuem in die Kissen bettete – wie sie sich geduldig das Haar von den kleinen Händen zerraufen ließ – wie sie niederkniete und betete, und die Puppe, den Ball, das Bilderbuch auf die Bettdecke legte und zehnmal wieder aufhob, wenn die unruhigen Händchen alles von sich schleuderten. Auch singen mußte Melitta von neuem: »Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt!« Und die Stimme war ihr so schwer von Thränen!

Friederike stand am Fußende des Bettes und wunderte sich in der Stille über den Herrn Doktor. Der ließ doch sonst nicht mit sich spaßen, und wenn Erna auch krank war – lieber Gott, der kleine Siegmund war ebenso krank gewesen, noch kränker sogar, und der Herr Doktor hatte alles allein bestimmt und besorgt, niemand durfte an das Kind heran, und es gab doch tüchtige Ärzte genug in Augsburg. Und hier wollte er dulden, daß ein alter Doktor oben aus dem Gebirgsdorf, der wahrscheinlich gar nichts verstand, kam und das Kind behandelte! Und er blieb ganz gehorsam in dem breiten Schattenstreifen, den der große, alte Kleiderschrank warf, stehen und ließ alles gehen, wie die junge Frau es anordnete! Diese rief dann und wann Friederike zu einer Handreichung heran – ihren Mann rief sie kein einziges Mal! Sie schien es nicht zu merken, daß er sie unausgesetzt beobachtete!

Wie sie doch schön war! Wie unter dem leichten, dünnen, in Hast übergeworfenen Morgenkleid die biegsamen Formen der anmutigen Gestalt so deutlich hervortraten! Wie das Haar, das sie so oft, als fiele es ihr lästig, mit einer ungeduldigen Bewegung zurückschüttelte, mattgolden schimmerte, und welch schwacher, lieblicher Duft davon ausströmte! Und diese feine Linie des herabgeneigten Profils, die schwarzen, aufwärts gebogenen Wimpern! Es brauchte kein Landrat Rothe zu kommen und aufgeregt zu versichern: »Aber Freundchen, deine Frau ist ja eine Schönheit, entzückend, wahr und wahrhaftig entzückend!« Es durfte kein Leutnant Rothe dastehen und sie mit bewundernden Blicken messen – Udo Schott wußte genau, was er hatte, er war eitel auf sie und für sie – ihm trug und kleidete sie sich viel zu einfach, er mußte ihr die kostbarsten Toiletten förmlich aufdrängen!