Indessen steigerte sich das Fieber bei Erna immer mehr – kaum war sie noch im Bett zu halten; sie wollte durchaus heraus und im Freien mit Rino spielen. Das war doch Rino, der liebe, schöne Neufundländerhund aus Augsburg, mit dem sie so gern tollte, der es immer geduldig litt, daß sie sich auf ihm wälzte und seine langen, weichen Ohren um ihre Händchen wand. Und wie er bellen und sie in wilden Sätzen umkreisen konnte, wenn sie nach Hause kam! Zuweilen ritt sie auf ihm – dann schritt er langsam und gravitätisch einher – warum ließ man sie denn jetzt nicht auf Rino reiten? Und Erna weinte und warf sich ungestüm zurück, und dann mit einemmal klammerte sie sich an ihre Mutter fest, die Füße drehten sich umeinander, und das kleine Gesicht verzerrte sich … es war ein Gehirnkrampf eingetreten.

Weiß wie ihr Kleid, zitternd am ganzen Körper hielt die junge Frau ihr Kind fest, bis der Anfall vorüberging. Mit ihren warmen Lippen küßte sie die kleinen, kalten Glieder, hauchte auf die zusammengekrampften Hände und Füße und warf verzweifelte Blicke auf die kleine Wanduhr, deren Pendel und Zeiger sich mit schauerlicher Langsamkeit weiterbewegten. Kein Gedanke an das Grauen des Morgens! Tiefe, tiefe Nacht. –

»Kannst du nicht helfen? Weißt du kein Mittel?« Melitta fragte es kaum hörbar, mit bebenden Lippen, während das Kind ihr matt und erschöpft im Arm lag.

»Gewiß, weiß ich! Wenn du mir die Behandlung überlassen willst« –

»Nur bis der Arzt kommt! Daß sich der Anfall nicht wiederholt!« – – Sie sah nicht seinen Gesichtsausdruck, nicht sein Achselzucken – – – bei ihr ging jetzt alles unter in der bebenden Angst um das Kind. Ihm allein wollte sie die Kleine nicht anvertrauen, aber so viel verstand er doch von der Heilkunde, um ein Linderungsmittel zu finden, das dafür sorgte, daß dieser entsetzliche Anfall nicht wiederkam … so war Melittas Gedankengang; sie folgte ihrem Gatten mit den Augen, als er zu der kleinen Hausapotheke ging, die er auf Reisen immer mit sich führte, und sie zählte angstvoll die dunkeln Tropfen, die er aus einem Fläschchen in den halb mit Wasser gefüllten Löffel fallen ließ.

»Es kann ihr bestimmt nicht schaden – nein?« flüsterte sie.

In seinen Augen flammte es auf.

»Du mußt wahrlich deiner Sinne nicht mächtig sein, um an mich … an mich – eine solche Frage stellen zu können!«

Sie wehrte seine Worte gleichsam mit einer gleichgültigen Handbewegung ab. Was galt ihr jetzt die verletzte Eitelkeit, das gesteigerte Selbstbewußtsein ihres Mannes – hier, wo es sich um Leben und Tod handelte? – – – Das Kind war von dem Krampf so erschöpft, daß es alles mit sich geschehen ließ. Die Mutter stützte das matt zurückgesunkene Köpfchen und goß den Inhalt des Löffels in den geöffneten Mund. Fürs erste hatten die Phantasien nachgelassen, aber wie verändert war das kleine runde Gesicht!

Die nächste halbe Stunde schlich so hin, dann ging das Phantasieren von neuem an, nur hatte es eine andere Gestalt angenommen. Erna erzählte nicht mehr, was sie, nach ihrer Meinung, deutlich vor sich sah, wollte kein Spielzeug, wünschte auch nicht mehr, daß Mama ihr vorsang oder mit ihr betete … sie hatte offenbar schreckliche Wahnvorstellungen, sah Dinge, die ihr kindliches Gemüt aufs äußerste entsetzten, war aber nicht imstande, sich darüber zu äußern oder um Hilfe zu bitten. Die kleine Brust flog vor Angst, der Atem krachte, die weitgeöffneten Augen sahen starr auf einen Punkt, und dazu stieß das kleine Geschöpf Schrei auf Schrei aus, als wenn es gefoltert würde. Kein Zureden, kein Bitten half, Erna kannte die Mutter und deren Stimme nicht mehr, sie stieß sie mit aller Kraft von sich – – und da war auch der fürchterliche Krampf wieder, der die Glieder starr und steif werden ließ und das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrte! Die Tropfen wurden von neuem gegeben, aber sie thaten keine Wirkung, der Zustand blieb derselbe! –