Melitta kannte sich kaum vor Angst. Sie stürzte zum Fenster und riß den Vorhang hoch, um zu sehen, ob sich kein Schimmer von Morgendämmerung am Himmel zeige, sie warf sich neben dem kleinen Bett auf die Kniee und stammelte unzusammenhängende Worte, halb Gebete, halb Drohungen: »Das kann doch dein Wille nicht sein? Dies eine – mein letztes – was würde mir bleiben, wenn … Ist es nicht genug an dem einen? Du darfst es – darfst es nicht geschehen lassen« – –

Sie war taub für jeden Zuspruch – was ihr Gatte zu ihr redete, wurde überhaupt nicht von ihr verstanden! Sie zählte die halben, die Viertelstunden an der Uhr – es konnte doch nicht erst Drei geschlagen haben, es mußte Vier gewesen sein! Und noch immer Nacht, noch immer nicht hell! Ihre Lippen murmelten immer in Zwischenräumen: »Ein Arzt! Ein Arzt! Es muß doch endlich ein Arzt kommen!« und der Fenstervorhang durfte nicht mehr heruntergelassen werden, damit sie es sofort sah, wenn der Tag kam! Draußen funkelten am nachtdunkeln Septemberhimmel die Sterne, die Luft ging frisch und kühl!

Und endlich! Die leuchtende Pracht droben fing an, zu erblassen, die schwarzen Schatten wurden grau, in unbestimmten, verschwommenen Umrissen begann es zu dämmern – der erste vereinzelte Hahnruf ließ sich hören.

Sie wollte selbst hinunter, den Boten wecken, ihm Eile einschärfen, ihm Geld geben – aber eben war wieder ein Anfall gewesen, schlimmer als zuvor, das Kind lag im Arm der Mutter in einem leichten Halbschlaf – oder war es nur völlige Erschöpfung? – Sie wagte es nicht, sich zu rühren. Ihr Gatte flüsterte ihr zu, er selbst wolle gehen, den Boten ein Stück begleiten, sie könne sich mit eigenen Augen überzeugen, in zehn Minuten spätestens werde sie beide vom Fenster aus fortgehen sehen. Sie nickte zu allem, es war ihr lieb, daß sie mit dem Kinde allein blieb, seine Gegenwart regte sie nur noch mehr auf.

Sie hörte ihn die knarrende Treppe hinuntergehen, hörte unten im Hause Thüren öffnen und schließen, es war ihr auch, als vernehme sie gedämpfte Stimmen. Das Kind regte sich in ihren Armen, sie wagte kaum zu atmen, sie winkte Friederike, zum Fenster zu gehen. Schon sah die Morgendämmerung durch die Glasscheiben, die Lampe brannte wie in einem trüben Dunstkreis, von unten herauf tönte Hundegebell und ein beschwichtigender Zuruf – das Leben des Tages erwachte.

Friederike machte am Fenster ein Zeichen – es litt Melitta nicht länger – sie mußte sehen, selbst sehen. Leicht, wie eine Flaumfeder, ließ sie das Kind in die Kissen zurückgleiten und schlich auf den Fußspitzen zum Fenster. Da sah sie im fahlen Zwielicht, das vor Sonnenaufgang herrscht, zwei männliche Gestalten zum Hofthor hinausschreiten – die größere Gestalt wandte sich nach dem Fenster zurück, hob grüßend den Hut und winkte mit der Hand; die kleinere sah sich nicht um. Zwanzig – dreißig Schritte, und die beiden Wanderer waren in dem jetzt mit Macht aufqualmenden Frühnebel verschwunden. –

Die junge Frau am Fenster atmete auf, tief, tief, wie wenn die Bergeslast auf ihrer angstbeklommenen Seele ein klein wenig leichter geworden wäre. – Wieviel Stunden jetzt noch? – Drei Stunden zum Aufstieg, zwei mindestens, allermindestens für den Abstieg … im allergünstigsten Fall konnten sie in fünf Stunden hier sein! Würde ihr Mann die ganze Tour mit dem Boten zugleich machen? Mochte er immer! Helfen konnte er hier nicht, und er mußte es ja sehen, daß er ihr vollkommen überflüssig war – – wenn nicht schlimmer noch als das! Wieder mit ihm am Krankenbett eines Kindes, das ihm und ihr gehörte! Die Erinnerung packte die junge Frau wie mit schaudernden Händen und schüttelte sie wie ein Laub im Winde! Was hatte sie leiden müssen – was litt sie wieder! –

Draußen bebten die Bäume im Morgenhauch! Jenes Säuseln und Raunen, das das Nahen der Sonne verkündet, strich feierlich durch die Wipfel, die Nebel ballten sich zusammen und rollten sich auf, nur die Gebirgshäupter steckten noch tief in ihren dichten Schleierhüllen. Der Nachtthau fiel in schweren Tropfen von den Blättern, und nun flog ein unsicheres, rosiges Dämmerlicht um die Baumkronen, zuckte stärker auf, vertiefte sich zu strahlendem Rot, goß eine verschwenderische Fülle strömenden Goldes über die erwachende Welt … die Sonne! – – Ihr siegender Strahl traf auch in das kleine Krankenstübchen, erzitterte wider in funkelnden Thränen, die rasch und unaufhaltsam aus den Augen der jungen Frau herabtropften. Sie hatte nicht weinen können, solange ihr Mann neben ihr stand! Aber jetzt! Alles, was sie vom Leben noch erwarten durfte, verkörperte sich in dem Kinde! Für sich selbst hoffte sie nichts mehr – aber für Erna, mit Erna zu hoffen, zu kämpfen, zu leiden, das war der Zweck ihres Daseins – ihr einziger! Wurde er ihr genommen … sie konnte den Gedanken nicht zu Ende denken! Wie oft hatte sie in wehmütig-süßen Zukunftsträumen auf das zu ihren Füßen spielende Kind herabgesehen! Wie mußte es schön sein, eine Tochter neben sich aufwachsen zu sehen, sich nach und nach eine Freundin in ihr heranzuziehen, die Teilnahme, Verständnis hat auch für die Dinge, die unausgesprochen bleiben müssen, selbst zwischen den Nächststehenden! Welch eine Quelle des Trostes – – Ein neuer Krampfanfall des Kindes schnitt jäh und schrecklich den Gedankengang seiner Mutter entzwei! – Wer hat nicht schon ein geliebtes Wesen müssen leiden sehen, machtlos, Abhilfe zu schaffen? Wer kennt nicht den Jammer, der uns das Herz in der Brust gleichsam umwendet, den Jammer menschlicher Ohnmacht gegenüber dem Tode, der seine eisige Hand nach unserem Liebsten ausstreckt? Und nun ein Kind, ein wehrloses, kleines Geschöpf, das mit den Augen flehentlich um Hilfe bittet, das es nicht anders kennt, nicht anders erwartet, als daß die Mutter ihm beisteht, wie sie bisher alle Last und Mühe bereitwillig auf sich genommen! Ein Herz, so ganz erfüllt von Liebe – ein Wille, so stark, daß er einer Welt Trotz bieten möchte, ein Opfermut, dem nichts – nichts zu schwer fiele … und machtlos – machtlos!! –

Charlotte Hartwig hatte an der Thür gelauscht und kam nun leise herein – sie fand das Kind verändert und entstellt, die junge Frau verzweifelt. Sie schickte Friederike hinunter und ließ Decken und Tücher wärmen, das Kind darin einzuwickeln; es wollte ihr nichts anderes einfallen – sie stand diesem Fall ratlos gegenüber – mit dem Bruder hatte sie ähnliches nie durchgemacht, und er, seitdem er Arzt war, sprach mit ihr niemals über seine ärztliche Thätigkeit, über die Mittel, die er etwa anwandte und deren Erfolge; es gehörte dies zu seinen Grundsätzen … der Arzt dürfe seinen Beruf nicht noch in seine Familie tragen, um seiner selbst und der Angehörigen willen! –