Das alte Fräulein hielt ihre junge Freundin im Arm und sprach mit ihrer weichen Stimme gute, warme Worte zu ihr – aber hörte, verstand sie Melitta auch? Immer derselbe starre, abwesende Blick, dasselbe einförmige Kopfschütteln, das heftige Zittern, das den schlanken Körper durchlief! Wahrlich, ein Anblick zum Erbarmen! – – – Die warmen Decken schienen dem Kinde wohlzuthun, es streckte sich darin aus, dehnte die kleinen Glieder, bekam einen Hauch von Farbe in das arme, bleiche Gesichtchen; die nächste Stunde verging ohne Anfall. Eine strahlende Morgensonne lachte zum Fenster herein, draußen vor den Scheiben glitzerten die im Frühwind sanft bewegten Blätter der Bäume vom frischen Morgenthau, die Vögel lärmten in den Zweigen, ein herber Duft stieg von der Erde auf.
Die zwei Frauen saßen still neben dem Bettchen, Friederike machte sich leise im Nebenzimmer zu schaffen. Noch zwei gute Stunden, dann konnte der Arzt da sein! –
Resi schlich sich mit einem Tablett herein, auf dem zugedeckte Teller und einladend dampfende Kännchen und Tassen standen – Frau Eigener habe sie heraufgeschickt und ihr verboten, bei Strafe der Entlassung, früher herunterzukommen, als bis sie mit ihren eigenen Augen gesehen habe, daß Frau Doktor esse und trinke. Für Fräulein Hartwig habe sie drüben in Fräuleins Zimmer alles zurechtgestellt. – – – Alles dies wurde mehr pantomimisch als mit Worten ausgedrückt – die junge Frau weigerte sich anfangs standhaft, etwas zu sich zu nehmen, endlich setzte sie die Tasse an die Lippen, bat aber nun ihrerseits Fräulein Charlotte, in ihr Zimmer zu gehen und ihr Frühstück zu genießen … thäte sie das nicht, so werde auch sie – Melitta – keinen Bissen mehr essen. Das alte Fräulein stand eine kleine Weile zögernd da, zuletzt gab sie nach, deutete an, sie werde bald wieder da sein und ging leise über den schmalen Korridor in ihr Stübchen. – Eben goß sie sich die zweite Tasse des ungewöhnlich starken und heißen Kaffees ein, als die Thür sich sacht öffnete und Resi auf der Schwelle erschien.
»Was ist?« fuhr Charlotte erschreckt auf. »Hat Erna wieder – –«
»Nix und gar nix is!« winkte Resi ab und kam näher heran. »Die Frau Doktorin trinkt ganz brav ihr' Kaffee, und's Kindl schlaft – – oder wenigstens liegt's da, als wenn's schlaft! Wegen dem können gnä' Fräul'n in Ruh' weiter frühstück'n! 's is bloß« – – offenbar hatte Resi etwas auf dem Herzen, sie fältete an ihrem Schürzensaum, hustete ein paarmal kurz hinter der vorgehaltenen Hand und trat unschlüssig von einem Fuß auf den anderen.
»Ja, Resi, was giebt es denn? Wollen Sie mir etwas sagen?«
»Das möcht' i schon – gnä' Fräul'n sind gar so viel klug und doch auch alt eben, da weiß ma' schon, was ma' zu thun hat! Unserer Frau – was d' Frau Eigener is – trau' i mir's nimmer z' sagen, i weiß nimmer, was das abgeben thät!«
»Haben Sie einen Schatz, Resi?« fragte Fräulein Charlotte mit einem halben Lächeln.
»O mein – gnä' Fräul'n – wie's aber auch fragen! Nu freili hab' i ein'! Wie wär's denn bestellt mit unserein', wenn's kein Schatz hätt'! Und das weiß auch d' Frau – wegen dem is' nimmer!«
»Also weswegen sonst?«