»Ja – das is« – Resi nahm einen förmlichen Anlauf, um sprechen zu können – »i bin heut' in aller Herrgottsfruha aufg'standen und bin zum Ziehbrunnen 'gangen wegen kalt' Wasser, war schier noch stickdunkel – gnä' Fräul'n werden wissen, wo der Brunnen liegt, ganz dicht unter grüne Bäum', g'rad' so umstellt, daß ka' Mensch ein'sehen kann, wenn er nit hat was z'schaffen selber am Ziehbrunnen. Und da, wie i den Eimer will heben, da hab' i g'hört, wie der Herr Doktor hat zum Peterl g'redt, leis' g'nug, ob der Peterl auch schweigen könnt' – und wie der hat »Ja« g'sagt – und wahr is schon, der Peterl kann's Maul halten, bei uns im Haus heißt man's alleweil »der Stumme!« – da hat der Herr Doktor ihm Geld 'geben und hat g'sagt, er braucht nimmer gehen bis Leuten, 's wär bloß so Spiel – oder wie – für d' junge Frau, weil die sich so viel verängst'gen thät'. Aber kein' fremden Doktor braucht's nimmer, und er allein könnt's Kindl g'sund machen und woll's auch g'sund machen, er wüßt' eben mehr als zehn so Dorfärzt' z'sammen. Und's Peterl sollt' eben gehen und e paar Stund' fortbleiben und sagen, er wär' droben g'wesen, und der Herr Doktor sei schon fortg'wesen – – und das sollt' a G'heim's bleiben, kein Mensch dürft' nicht kein Sterbenswörtl davon wissen – und später, wenn's Kindl g'sund daherspräng', woll' er's selber der Gnäd'gen sag'n … aber für jetzt sei das g'fehlt: sie woll' e' zweit'n Arzt, und er woll'n nicht – und weil sie so anstellig wär' – so wild, hat er g'moant, vor Furcht – d'rum müßt' man 's eben anlüg'n – und er wollt' auch so thun, als wär' er droben … ja, ja, um Gott's will'n – was bedeut' denn das?«
Hinter Resi, die eifrig auf Fräulein Charlotte einsprach, hatte sich die Thür aufgethan … Melitta stand im Rahmen derselben. Hatte sie Resis Bericht gehört oder nicht? Sie war erschreckend blaß, ihre großen Augen hatten einen seltsamen Ausdruck. Sie sprach kein Wort, sie sah nur Fräulein Charlotte an.
»Steht es mit Erna schlechter?«
»Ja!« sagte die junge Frau tonlos. »Sie hat eben wieder einen Anfall gehabt!«
»Um Gottes willen! Ich komme sofort!«
Das alte Fräulein lief in ihrer raschen Bereitwilligkeit beinahe Resi um, die mit herabhängenden Armen, einen Ausdruck hilflosen Schreckens im Gesicht, gleich einer ertappten Sünderin dastand. Jetzt aber galt es nur das Kind, das starr und steif in Friederikens Armen lag, die Zähne fest aufeinandergebissen, die Lippen bläulich-weiß, die Augen nach oben gekehrt.
»Wir wollen noch einmal die Decken wärmen!« sagte Charlotte, mit Thränen in den Augen auf das gequälte kleine Geschöpf blickend. »Warten Sie, ich gehe selbst und sage es Frau Eigener, ich bleibe dabei, bis die Sachen durchwärmt sind, Sie können sich auf mich verlassen! Es schien mir doch, als thäte die Wärme unserem armen Liebling gut!«
Melitta nickte ein paarmal, ohne ein Wort zu erwidern. Fräulein Hartwig sah sie in großer Besorgnis an – – wenn sie doch nur um Gottes willen Resis unglückselige Erzählung nicht mit angehört hätte! Und wenn der alte Gebirgsdoktor wirklich kein sehr gescheiter Arzt war und Doktor Schott mehr, zehnmal mehr wußte, als er … die junge Frau wartete auf diesen Arzt wie auf den Heiland, sie brachte ihm Glauben und Vertrauen entgegen – – und, vor allen Dingen, ihr ohnehin schwer erschüttertes Verhältnis zu ihrem Gatten würde einen bedenklichen Stoß erleiden, wenn sie erfuhr, wie eigenmächtig er in dieser Angelegenheit gehandelt hatte. Wer konnte wissen, wie lange die Frau in dem kleinen Korridor vor der Thür gestanden – wieviel oder wie wenig sie von Resis Bericht vernommen hatte! Durfte man sie danach fragen – sich in eine so unendlich peinliche Sache mischen? –
Fräulein Charlotte entschied bei sich diese Frage mit »Nein,« und suchte nochmals ihre junge Freundin mit der Versicherung zu beruhigen, sie selbst werde das Erwärmen der Decken beaufsichtigen. – Melitta nickte wieder nur, ohne zu sprechen.