Um zur Küche zu gelangen, mußte Charlotte die Runde um das ganze Haus machen. Als sie eben in die halbgeöffnete Thür hineinschlüpfen wollte, wurde sie von Fräulein Rosa Hesse festgehalten, die eben in kleidsamer Morgentoilette die Stufen der Veranda herabkam – sie hätte gehört, die kleine Erna Schott sei erkrankt – merkwürdig, daß den »Glücklichen« hier, während der Sommerfrische, ein solches Malheur passieren müsse! – und der Doktor sei schon vor mehreren Stunden, mit Peterl als Führer, hinauf nach Leuten gegangen, um den Gebirgsarzt zu holen, auf Wunsch seiner Frau! Das sei noch ein Mann! Da sähe man wieder den eklatantesten Beweis für das ideale Verhältnis der »Glücklichen!« Sicherlich würde das so bald kein Mann thun – zu einem ganz obskuren, vielleicht sogar sträflich unwissenden Gebirgsdoktor zu gehen, bloß auf Verlangen der Frau, wenn man selbst ein eminent bedeutender Arzt sei …
»Woher wissen Sie, daß Doktor Schott ein eminent bedeutender Arzt ist?« konnte Fräulein Charlotte nicht umhin, zu fragen.
Die schöngeistige Dame sah halb geringschätzig, halb beleidigt drein.
»Woher ich das weiß? Aber, mein Himmel, das weiß doch hier ein jeder!«
»So?« sagte Fräulein Hartwig trocken.
»Ja – natürlich! Ein Mann, wie dieser, von solcher Begabung, solchem Wissen, muß ja ein bedeutender Arzt sein – er ist auf allen Gebieten zu Hause, so auch auf diesem. – Sie scheinen große Eile zu haben, verehrtes Fräulein.«
»In der That!« warf Charlotte ein.
»Wie geht es denn jetzt dem Kinde?«
»Schlecht! Es liegt in Krämpfen!«