»O, o – wie schrecklich! Und der Vater nicht da! Wie blind muß er diese Frau lieben, daß er jetzt das Kind allein läßt, um nur ihren Ideen zu folgen! Was haben Sie denn in der Küche zu thun?«

»Frau Eigener eine Bestellung zu machen!«

»So komme ich mit Ihnen! Ich weiß gar nicht, wo Resi heute steckt! Sonst hat sie mir um diese Zeit schon lange meinen Kakao gebracht – ich trinke nämlich des Morgens immer Kakao, ich halte das für weit bekömmlicher als Kaffee, und meine Gesundheit ist ein wenig zart.«

Mit Fräulein Rosa Hesse im Schlepptau betrat Charlotte die Küche und fragte nach Frau Eigener. Dieselbe mußte aus der Vorratsstube geholt werden – sie war ganz Teilnahme und Bereitwilligkeit … wenn gnä' Fräul'n ein fünf, sechs Minuten warten wollten, dann könnte sie die Decken schon mitgeben. Damit wischte sie eilfertig einen Küchenstuhl ab – »bitte, sich nur zu setzen!«

Unterdessen war Resi langsam, Schritt vor Schritt setzend, aus Fräulein Hartwigs Zimmer gekommen und stieg jetzt ebenso bedächtig die Treppe hinunter. Ihr ahnte nichts Gutes. Wenn die Frau Doktor die ganze Geschichte, die sie, die Resi, dem alten Fräulein erzählt, mit angehört hatte – und warum sollte sie das nicht gethan haben? – dann konnte das unangenehme Dinge nach sich ziehen! Für nichts und wieder nichts hatte der Herr Doktor den Peterl wohl nicht immer von neuem beschworen, reinen Mund zu halten und ihm Geld noch extra dafür gegeben – gefallen hatte es ihr, der Resi, gar nicht, daß der Herr Doktor so sein Spiel trieb mit der jungen Frau; Resi fand, wenn er ihr's versprochen hatte, den Leutener Arzt zu holen, so mußte er ihn eben holen, ob ihn das nun ärgerte oder nicht. Sie hatte ein ziemlich hartes Urteil für des Doktors Handlungsweise, und sie sagte sich, daß des Doktors eigene Frau, die Mutter des kranken Kindes, noch ein ganz anderes Urteil fällen dürfte als sie, das einfältige Zimmermädel. O je, o je, das konnte noch eine böse Geschichte geben! Hätte bloß die junge Frau nichts gehört. Aber sie hatte so »wüste« Augen gehabt – zehn gegen eins zu wetten, ihr war kein Wort entgangen! –

In ihre trübseligen Gedanken über die Folgen ihrer Schwatzhaftigkeit verloren, fuhr Resi erschreckt zusammen, als sie sich am Fuß der Treppe von einer fremden Männerstimme angeredet hörte. Vor ihr stand ein Herr im Reiseanzug, er hatte eine etwas lässige Haltung, ein blondbärtiges, stubenblasses Gesicht und sehr kluge und gute Augen. In der Hand trug er einen Schirm und einen kleinen Koffer.

»Guten Morgen, Fräulein! Um Verzeihung – dies ist doch Pensionat Klinger?«

Resi knickste. »Ei ja freilich schon – z' dienen!«

»Ich habe meinen Wagen vor einer Viertelstunde fortgeschickt und bin das letzte Stückchen Weg durch den schönen Bergwald zu Fuß gekommen. Auch habe ich meine Schwester gern überraschen wollen – Sie werden sie ja gut kennen – Fräulein Charlotte Hartwig! Ich bin Professor Hartwig aus Stettin – können Sie mir sagen, wo – –«

Weiter kam er nicht. Die steile Treppe herab flog eine weibliche, weißgekleidete Gestalt mit offenem Blondhaar – er hielt sie für ein junges Mädchen – umklammerte seine freie Linke mit ihren beiden zitternden Händen und stammelte kaum verständlich: »Helfen Sie – um Gottes willen – helfen Sie mir –«