»Ich hoffe nein! So, meine kleine Erna, komm zum Onkel Doktor – er bringt dich zu Mama!«

Die Kleine, mehr überrascht als erschrocken, hob ein wenig den schweren Kopf und sah dem fremden Mann aus glanzlosen Augen ins Gesicht. Er faßte sie sehr zart und behutsam an und hob sie so rasch und geschickt aus dem Bett, daß man auf den ersten Blick den erfahrenen, geübten Kinderarzt in ihm erkannte.

Die Untersuchung dauerte eine Weile. Professor Hartwig sprach kein Wort dabei, hatte keinen Blick für die junge Frau, er verwandte kein Auge von dem Kinde. Zuletzt fragte er die Kleine, wie sie heiße, welchen Namen ihre Puppe habe; er wiederholte seine Frage einigemal mit einer sehr sanften, sympathischen Stimme … Erna starrte ihn aus trüben Augen an und antwortete nicht.

Indessen öffnete sich seitwärts leise die Thür. Und Charlotte, die, ein Paket wollener Tücher im Arm, über die Schwelle treten wollte, blieb dort wie angewurzelt stehen. Sie glaubte, nach der halb durchwachten Nacht eine Vision zu haben. Es war doch nicht möglich! Der Herr, der dort neben Melitta stand, tief über das Kind gebeugt – das war doch – das mußte doch ihr Bruder Walter sein … nun, das konnte doch nicht … sie trat ein paar Schritte näher, und die Decken fielen sämtlich auf die Erde.

Professor Hartwig blickte sich mit gerunzelter Stirn um. Als er seine Schwester erkannte, erhellte sich sein Blick.

»Grüß' Gott, Lottchen! Was hast du da? Wollene Decken? Die nützen nicht viel. Wenn du uns sobald wie möglich ein warmes Bad verschaffen könntest – – –«


5.

Das alte Fräulein kam halb lachend, halb weinend heran.

»Walter – mein Walter – wie bist du hergekommen? Seit wann? –«