»Und du meinst – was meinst du? Bleibt die Kleine am Leben? Muß sie sterben?«
Der Professor schüttelte den Kopf.
»Kein Mensch auf der Welt sollte mich so gut kennen wie du – und du thust es doch nicht! Nach meiner schon seit langen Jahren festgehaltenen Meinung ist der Arzt ein Narr, der Leben und Tod verspricht – er hat sein Bestes zu thun und abzuwarten, ob die Natur mithilft – oder Gott, wenn du so willst! – Und nun komm, wir wollen das Bad bestellen!«
»Aber, mein guter Walter, wie müde mußt du sein. Du bist wohl gar die Nacht durch gefahren? Nicht? Nun Gott sei Dank! Aber etwas zum Frühstück mußt du doch haben!«
»Ich werde nachher frühstücken, verlaß dich ganz fest darauf! Jetzt erst einmal das Bad!«
Drunten im Pensionat Klinger summte es durcheinander, wie in einem Bienenschwarm. Unglaublich schnell hatte sich die Kunde verbreitet, Professor Hartwig aus Stettin, des alten Fräuleins Bruder, sei unerwartet angekommen und werde die Behandlung des kranken Kindes übernehmen … jetzt, da eben dieses kranken Kindes Vater den beschwerlichen Weg über den Gebirgskamm machte, um den Doktor aus Leuten herbeizuholen! Diese Thatsache fand eine sehr verschiedenartige Aufnahme. Die einen meinten, es sei ein Segen, daß der fremde Arzt gekommen – die anderen, Fräulein Hesse obenan, nannten es eine empörende Anmaßung von ihm, hier einzugreifen, da Doktor Schott doch unfehlbar das richtige getroffen habe und weiter treffen werde.
Frau Eigener gehörte jedenfalls der ersten Partei an. Sie hatte in ihrem Innern den pomphaften Doktor immer einer wenig schmeichelhaften Kritik unterzogen und die junge Frau ebenso reizend als bedauernswert gefunden – jetzt stellte sie sich selbst, wie ihr ganzes Haus, dem Geschwisterpaar Hartwig ohne weiteres zur Verfügung. Das Bad werde in kürzester Frist bereit sein, es flamme den ganzen Tag ein tüchtiges Feuer auf ihrem Herde, und ein paar große Kessel voll Wasser wären im Nu heiß. Und Eis? Nun, natürlich hätte sie welches, ihr seliger Mann hatte ihr noch den Eiskeller aufmauern lassen – bei dem Fremdenverkehr in ihrem Haus, und wenn sich alles frisch erhalten solle, müsse man das ja haben … ob das alles sei, was Herr Professor zu bestimmen hätte? Ihr wäre nichts zu viel, wenn nur das Hascherl, das Herzerl, die Erna wieder gesund werden möchte! –
Vorläufig sah es nicht danach aus. Das Bad zog eine schwere Erschöpfung nach sich, die ersten Löffel Medizin blieben ohne jede Wirkung, und die Eisblase wurde unaufhörlich von dem ruhelos umhergeworfenen Köpfchen geschleudert. Professor Hartwig hatte die Kleine selbst gebadet. »Lassen Sie mich nur machen!« sagte er mit seiner ruhigen Bestimmtheit, und dann rief er die Mutter zu Handreichungen herbei, und sie setzten sich zusammen an das kleine Bett und reichten die Medizin und hielten abwechselnd die Eisblase fest und die Händchen, die immer wild nach der Stirn fuhren, um das kalte kleine Bündel herunterzureißen. Wenn der Professor nicht schon um des Kindes willen, das er für bedenklich krank hielt, geblieben wäre – – um der Mutter willen hätte er es thun müssen. Er machte keine neue Erfahrung an diesem Krankenbett; oft schon hatte er es in seiner Praxis erlebt, daß von seiner Persönlichkeit, seiner Art, sich zu geben, diese seltsam beruhigende, sympathische Wirkung auf die Umgebung der Patienten überging, Pfleger und Pflegerinnen wie unter einem wohlthätigen Einfluß standen, daß seine Ruhe, seine Zuversicht sich ihnen mitteilte und ihnen selbst ihr schweres Amt solchergestalt zehnfach erleichterte. – So auch hier. Diese junge Frau, die ihm in fiebernder Exaltation, mit beinahe irrem Blick und Wesen vor kurzer Zeit entgegengestürzt war, deren Hände derartig gebebt hatten, daß sie das Kind nicht halten konnten, die die Worte mühsam hatte suchen müssen, um sich ihm nur verständlich zu machen … sie saß still und aufmerksam neben ihm, folgte jeder seiner Bewegungen, verstand den leisesten Wink, störte ihn nicht mit einem Ausruf, einer Frage … und er hatte ihr doch noch kein einziges aufmunterndes oder auch nur beruhigendes Wort sagen können! – Seine Macht über die Menschen, die sein Beruf ihm nahe brachte, war in seinen Patientenkreisen beinahe sprichwörtlich geworden, und er hatte nicht umhin gekonnt, sich darüber oft zu freuen – – aber noch nie hatte er sich dessen so gefreut wie eben jetzt!
Seiner schlichten Art lief alles, was wie Übertreibung aussah, schnurgerade zuwider, das wußten seine Bekannten und verschonten ihn mit großem Lob und Danksagungen. Auch hier war freilich davon keine Rede – aber die ausdrucksvollen Augen der jungen blickten mit einer so schwärmerischen Innigkeit und Verehrung zu ihm auf, daß ihm dieselbe leicht zuviel hätte werden können. Bei ihr wurde sie ihm nicht zuviel! Es waren so wunderschöne Augen! Und dann that ihm das arme süße Geschöpf, nach allem, was ihm Charlotte in aller Eile ins Ohr geflüstert hatte, auch rein menschlich leid … schließlich war man ja doch nicht nur Arzt und immer wieder nur Arzt … man war ja doch am Ende auch Mensch! Und als Mensch sah »man« auch, welch herrliches seidenfeines Haar diese Frau hatte und welch einen schönen, schmiegsamen Wuchs! – Wenn er ihr das Kind doch retten könnte! –
Charlotte schlich dann und wann herein und sah die beiden nebeneinander sitzen – »Gott verzeih' mir's wie ein Ehepaar, das am Bettchen seines Kindes wacht!« sagte sich das alte Fräulein in ihren Gedanken. »Wenn einer das liebe Kind durchbringen kann, dann ist er es!« dachte sie weiter. »Armes Geschöpfchen, was es wohl leiden muß! Aber er hat so vielen geholfen, er hat ja so viel Geschick, ein so geniales Auge für den Sitz der Krankheit! Wie anbetend Melitta ihn ansieht! Ja, aber auch mein Walter! Gottlob nur, daß ihr Mann noch nicht kommt!«