Aber endlich kam er doch.

Es wurde ein rascher fester Tritt auf der Treppe hörbar, – die junge Frau fuhr zusammen und wurde sehr blaß, aber sie blieb am Bett des Kindes sitzen. In der nächsten Minute stand Doktor Schott im Zimmer.

Der Professor hatte sich erhoben, die junge Frau that es ihm nach, sie stand zwischen den beiden Männern, die in ihrer äußeren Erscheinung einen starken Gegensatz bildeten. Hier der Mann der Wissenschaft, der Gelehrte, stubenblaß, überarbeitet aussehend, den Kopf mit dem um die Schläfen grau angeflogenen Haar etwas vorgeneigt, die hohe Gestalt überschlank, schmächtig – daneben der andere mit seinem stolzen, kraftvollen Wuchs, der breiten Brust, dem schöngeschnittenen, ausdrucksvollen Kopf, der luftgebräunten, frischen Farbe! Der merkbarste Unterschied lag aber doch im Gepräge der beiden Gesichter – dieser gleichsam nach innen gekehrte Blick des Forschers, und die selbstbewußte, alles in Besitz nehmenwollende Miene des Mannes, der alles zu können, alles zu beurteilen meinte … es gab ein eigenartiges Bild, diese beiden nebeneinander zu sehen.

Doktor Schott mußte unten niemand vom Hauspersonal gesprochen haben – sichtlich traf ihn des Professors Anwesenheit ganz unerwartet. In seiner hochmütigen Manier die Augenbrauen emporziehend, warf er einen erstaunten Blick auf seine Frau, einen Blick, der bedeuten wollte: »Was soll das heißen? Wie konntest du es wagen – –«

Sie machte eine leichte Bewegung mit der Hand.

»Professor Hartwig, Fräulein Charlottes Bruder aus Stettin, hat gütigst, auf meine Bitten, die Behandlung Ernas übernommen!«

»Ah!« Doktor Schott richtete sich noch straffer auf als bisher und machte die knappste Verbeugung, deren er fähig war. »Nun sieh, mein Kind, wie dir der Zufall zu Hilfe gekommen ist! Indessen ich oben in Leuten erfahren mußte, daß der alte Gebirgsdoktor schon vor Morgengrauen zu Wagen aufgebrochen war – man wußte mir nicht zu sagen, wohin – und erst gegen Abend zurück erwartet wurde, sind deine heißen Wünsche um einen auswärtigen Arzt erhört worden.«

»Ja,« unterbrach sie ihn, »Gott sei ewig dafür gedankt!«

Mit einem sarkastischen Zucken der Lippen wandte sich ihr Gatte von ihr fort und dem Professor zu.

»Darf ich um Ihre Diagnose bitten, mein Herr?«