»Nein – nein – nein!« stieß die junge Frau in immer sich steigernder Energie heraus. »Ich weiß recht gut – und ich habe schon lange, so lange mit mir gekämpft – jetzt kann ich nicht mehr! Sie wissen ja nicht … aber Sie sollen wissen – und wenn man uns jetzt nicht ungestört läßt – dann später –«
»Aber wie ist es nur möglich –«
»Hören Sie – hören Sie nur, Sie sollen mich verstehen lernen!« Mit ihren heißen, bebenden Händen umfaßte Melitta Fräulein Hartwigs Rechte. »Hier, an Ernas Bett, meines einzigen Kindes, da werden Sie mir doch glauben, daß ich nicht lüge, nichts beschönige! Ich habe damals geglaubt, ihn zu lieben – sogar sehr zu lieben – wie hätte ich ihn sonst heiraten können? Denn so jung ich war – kaum siebzehn – das hätt' ich nie gethan, eine Ehe geschlossen um der Versorgung willen! Und damals war er keine glänzende Partie – Doktor der Chemie und hatte keine Stelle, nur die Aussicht, bei einer großen Farbefabrik angestellt zu werden. Und ich war eine arme, ganz arme Offizierstochter aus Norddeutschland, und all' meine adligen Verwandten waren dagegen, weil ich so jung und – recht – recht gefeiert war; sie glaubten, mir werde sich viel Besseres bieten. Aber ich sah zu ihm auf und fand ihn so schön und stolz, und daß er immer sagte, er wolle mich erziehen und bilden – auch das gefiel mir, ich war ja fast noch ein Kind, er so viel älter und klüger! Hätte er einen Beruf, eine feste Thätigkeit gehabt, es hätte nicht so werden können, wie es nun kam! Aber so – wir hatten eben geheiratet – machte er eine große Erbschaft, ganz unerwartet fiel sie ihm zu, und an demselben Tage noch, als er das erfuhr, kündigte er seine Stelle auf, in deren Ausfüllung er von Anbeginn nur einen seiner unwürdigen Sklavendienst gesehen hatte – und nun wollte er seine vielfache Begabung sich frei entfalten lassen, auf allen Gebieten etwas leisten, jeder Wissenschaft gerecht werden – ein Universalmensch wollte er sein, das war seine Idee, sein Schlagwort! Mir wäre ein bestimmter Beruf für ihn lieber gewesen, ich fragte ihn, ob er nicht entweder Naturforscher oder Arzt oder Chemiker sein wolle – aber er wollte alles das sein und kaufte sich Bücher und hörte Vorträge und lud sich solche Leute ins Haus, die ihm nur schmeichelten und von seiner enormen Vielseitigkeit sprachen und ihn vermöge seiner Eitelkeit enorm ausnutzten. Ich fing erst allmählich an, das zu durchschauen – – still, hörten Sie nichts?«
Melitta, die bis dahin in einem rapiden, aufgeregten Flüsterton gesprochen hatte und so im Fieber war, daß ihr nicht ein einziges Wort fehlte, stockte hier plötzlich und schlich auf den Fußspitzen zur Thür, die sie lautlos öffnete. Man hörte zuerst nichts, dann den Schall einer gedämpften, gleichmäßig fortsprechenden Männerstimme, dazwischen ein paar harte, herrische Laute.
Melitta schloß wieder sacht die Thür und kam zurück. Das Kind lag jetzt still, die Händchen griffen nicht mehr nach dem Eisbeutel, sie tasteten nur zuweilen unsicher auf dem Deckbett umher.
»Trotz all' dieser Studien,« fuhr die junge Frau in derselben heftigen Weise fort, »blieb ihm doch viel freie Zeit, er konnte sich ja alles nach seinem Belieben einrichten, und da er leidenschaftlich in mich verliebt war« – ihr ging ein Zittern durch den Körper, wie sie dies sagte – »so war er auch viel um mich und suchte mir das abzugewöhnen, was ihm an mir mißfiel. Zunächst das Kirchengehen, das Beten, den Glauben an Gott, was er alles Kinderei nannte – überwundenen Standpunkt, Albernheit. Er las mir stundenlang Strauß und Feuerbach vor, er zwang mich, das Gelesene mit ihm durchzusprechen, er wollte, daß ich alles, was mir bis dahin verehrungswürdig und heilig gewesen war, verspotten sollte. Ich sollte mir Rechenschaft von jeder Empfindung ablegen, jede Sympathie oder Antipathie begründen, meine »planlose« Begeisterung für alles, was Kunst und Schönheit hieß, aufgeben, neue Lektüre, neuen Umgang wählen, meine alten Freunde, die mich geistig nicht genügend förderten, beiseite lassen, auf die Musik, die ich leidenschaftlich liebte, Verzicht leisten, da sie nur eine unklare Gefühlsschwärmerei bei mir begünstige – ich wäre bald, bald völlig verzweifelt, hätte ich nicht die Kinder gehabt. Erna war noch ganz klein, ich mußte mich damit begnügen, sie körperlich gut zu verpflegen, aber mein Siegmund – mein Junge – –« Ein nasser Dunst schwamm ihr vor den Augen, die Lippen zitterten ihr, die Worte überstürzten sich mehr denn je, es war, als spräche ein fremdes Element aus ihr, unaufhaltsam, die übervolle Seele lösend.
»Er war anders als Erna, äußerlich, wie im Wesen« – Charlotte nickte – sie erriet, er hatte die Blonde, sonnige Schönheit seiner Mutter geerbt, er war ihr Herzenskind, ihr Liebling gewesen! – »Alle, die ihn sahen, staunten, wie gut und rasch er sich entwickelte, körperlich, wie geistig – er liebte mich zärtlich, er war mein Stolz, mein Trost, meine Hoffnung. Was alles hab' ich für ihn geplant, von der Zukunft erwartet! Nichts war mir zu groß und zu kühn gedacht für mein schönes, begabtes Kind – ich weiß nicht, ob sich alles erfüllt hätte – ach, ich glaube es doch – was glaubt eine Mutter nicht! Es geschah alles, alles, um mir auch diese Freude zu nehmen, eine stille, verzehrende Eifersucht auf das Kind entstand, fügte mir tausend Kränkungen zu, suchte mir den Knaben zu entziehen, meinen Einfluß auf ihn zu untergraben, … das war umsonst, alles umsonst! An dieses Kindes unerschütterlicher Liebe zu mir scheiterte Zorn und Strafe, Verbot und Bestechung, sie war die Sonne in meinem Leben! Und dann wurde mein süßes Kind krank, ganz plötzlich, er, bis dahin ein Bild von Kraft und Schönheit, und noch nie eine Stunde krank gewesen – und ich sah es gleich, es war große Gefahr da! Auch er sah das und that alles, was er konnte; auf seine Art liebte er das Kind, ebenso, wie er sich einbildet, mich zu lieben, aber auf eine Weise, die – die … genug! – Als alle angewandten Mittel nichts halfen, die Gefahr stieg und stieg, da wollte ich einen zweiten Arzt dazu haben, aber er litt es nicht! Er sagte, er könne die Krankheit deutlich übersehen, er wisse genau, wie man sie bekämpfen müsse, er dulde keine fremde Einmischung – und wie ich auch flehte und bat – er setzte seinen Willen durch. Und dann starb mein Knabe – wie ein Licht losch es aus, sein süßes Leben – und ich … ich … nein, ich kann es Ihnen nicht und kann es keinem schildern, was ich litt! Sich sagen zu müssen, dies geliebte Leben hätte gerettet werden können, wenn nicht Eitelkeit und Hochmut an ihm zum Mörder geworden wären – – still, sagen Sie nichts dagegen! Sie können mich hierin nicht verstehen und niemand kann es! Ich weiß, Sie werden mir sagen, auch der zweite und dritte Arzt hätte möglicherweise mir meinen Sohn nicht erhalten können, … dann hätte ich mich unter Gottes schwere Hand gebeugt und mir gesagt, ich that alles, nach meinem besten Wissen, was uns armen Menschen gegeben ist, ein furchtbares Schicksal abzuwenden! Aber so! Ich war schwach gewesen, ich hatte nachgegeben – und wenn ich es hundertmal erfahren hatte bisher, daß in ewiger Nachgiebigkeit mein einziges Heil lag, wollte ich nicht unwiderruflich mein Joch abwerfen … diesmal, dies eine Mal hätte ich nicht nachgeben dürfen! Daß ich nicht wahnsinnig geworden bin damals – daß ich meinen Verstand behielt!«
Die junge Frau grub die beiden Hände in ihr volles Haar und ließ sie dann langsam sinken.
»Aber ich hatte ja noch ein Kind, für das ich leben mußte, und mit einem heiligen Eidschwur' hab' ich mir's gelobt, für dies einzige, letzte, wenn es not that, das zu thun, was ich für das verstorbene nicht gewagt hatte. – Wir lebten also weiter, vor der Welt scheinbar sehr gut und harmonisch, für mein Empfinden in einer sich oft bis zur Unerträglichkeit steigernden Qual. Ich konnte ihm den Tod des Kindes nicht vergessen und nicht vergeben, meine Seele wußte lange schon nichts mehr von der seinen, meine Denk- und Empfindungsart entfernte sich mit jedem Tage mehr von der seinigen, ich war innerlich verzweifelt, alles in mir rang nach Selbständigkeit, nach eigenem Fassen und Festhalten, … und dabei … ihm gehören müssen, diese Leidenschaft zu dulden« – –