Wieder ging der Schauder über sie hin, daß ihre ganze Gestalt sich schüttelte.
»Und jetzt dies noch – dies letzte – dies gebrochene Wort – eine Behandlung, die ein unmündiges Kind kaum ertragen könnte, wieviel weniger eine verzweifelte Mutter, … nein, nein, ich kann es nicht länger tragen. Gott selbst zeigt mir den Weg, er hat mir Ihren herrlichen Bruder geschickt, der mein Kind retten wird, er hat mir Sie geschickt, und Sie werden mir helfen!«
Charlotte trocknete sich die überfließenden Augen.
»Mein Liebling, mein armes Herz, wie gern – wenn ich nur kann! Was wollen Sie –«
Wieder horchte die junge Frau mit verhaltenem Atem nach der Thür hin; es blieb alles ruhig.
»Sehen Sie,« begann sie in fliegender Hast aufs neue und drückte Fräulein Charlottes Hand mit aller Kraft, »ich habe ja oft schon gedacht, ich ertrage es nicht länger und wie ich es anfangen würde, für mich und Erna zu sorgen, wenn ich fortginge. Ich habe ein kleines Kapital von einem Onkel meines verstorbenen Vaters geerbt, über das ich frei verfügen kann. Es sind nur ein paar tausend Mark, aber damit kann ich ein oder ein paar Jahre hindurch ein Konservatorium besuchen und Musik studieren, für die ich immer viel Begabung und Neigung gehabt habe. Reicht mein Können nicht zur Konzertspielerin aus, so hoffe ich bestimmt, ich werde Klavierunterricht erteilen können – ich will gern und freudig arbeiten, nichts soll mir zu viel und zu schwer sein, wenn ich mit allem Luxus, der mich jetzt umgiebt, zugleich alle Fesseln von mir werfen und frei sein – – frei sein kann – –«
Die Brust dehnte sich ihr, sie sprach und blickte wie im Rausch. Dem alten Fräulein schnürte sich angstvoll das Herz zusammen.
»Und Sie meinen, er – Ihr Mann – werde Sie gutwillig gehen lassen?«
»Nicht gutwillig – nein! Aber kann er mich bei sich halten, wenn ich gehen will?«