»Und das Kind – wird er Ihnen das Kind lassen, falls – –«

Charlotte war im Begriff, zu sagen: »Falls es am Leben bleibt« – sie unterdrückte das und setzte stockend hinzu: »Falls es zur Trennung kommt?«

»Er liebt das Kind nicht – sein Herz hängt nicht an ihm, ebensowenig, wie an mir. Was ihn so an mich fesselt, ist – ist – nicht Liebe in dem Sinn, wie Sie und ich Liebe auffassen. Wäre ich nicht mehr jung und gut aussehend … keinen Augenblick würde er sich besinnen, mich von sich gehen zu lassen, denn ich bin ihm mit der Zeit eine immer unbequemere Frau geworden. Die Liebe, mit der eins das andere stützt und veredelt und immer tiefer verstehen lernt, die kennt er nicht und wird sie nie kennen.«

Draußen vom Flur her klang eine Thür, es kamen Schritte näher.

»Ich darf auf Sie zählen, nicht wahr?« flüsterte Melitta in fliegender Hast, während sie Charlottes Hand ergriff und, ehe diese es zu hindern vermochte, an die heißen Lippen führte. »Sie werden mich nicht mißverstehen und, wenn ich Sie bitte, mir eine hilfreiche Hand zu reichen, dann werden Sie mich nicht von sich stoßen!«

Die alte Dame konnte nur bestätigend nicken und sich rasch die Thränen aus den Augen wischen – zum Antworten blieb ihr keine Zeit mehr. Sie sah mit einem Blick, daß die beiden Herren keine friedliche Auseinandersetzung gehabt hatten – freilich hätte sich das voraussagen lassen können. Des Doktors stark gerötetes Gesicht war finster wie eine Gewitterwolke anzusehen, und den Ausdruck in ihres Walters Mienen kannte die Schwester ganz genau – diese leicht vorgeschobene Unterlippe, diesen geraden, festen Blick, der deutlicher als tausend Worte sagte: »was ich einmal für richtig erkenne, davon lasse ich nicht – das setze ich durch!«

»Sie verzeihen, gnädige Frau,« begann der Professor jetzt mit seiner tiefen, gedämpften Stimme, »wir haben Sie lange warten lassen, Sie werden sich beunruhigt haben. Ihr Herr Gemahl und ich hatten eine ausführliche Auseinandersetzung, die bedauerlicherweise dennoch zu keinem Resultat geführt hat. Herr Doktor Schott ist mit den von mir getroffenen Maßregeln in keiner Weise einverstanden und wünscht eine total veränderte Behandlungsweise einzuschlagen …«

»Ich wünsche, in diesem speciellen Fall, dir die Entscheidung zu überlassen!« fiel der Doktor dem Redenden ins Wort. »Ich darf dich wohl nicht an meine jahrelangen eifrigen Studien auf medizinischem Gebiet, sowie an den Umstand erinnern, daß ich die Konstitution und Beanlagung unseres Kindes von seinem ersten Tag her kenne, mithin in der Lage bin, ein eingehenderes Urteil darüber zu fällen als ein Fremder, der es vor zwei Stunden zum erstenmal gesehen hat.«

Die junge Frau sah ihm ruhig ins Gesicht.