Sie sah sein entstelltes, wild gerötetes Gesicht, die Augen, den knirschenden Mund, im nächsten Moment konnte der Tobende sie an die Mauer werfen und erwürgen – sie sah das ganz klar, aber sie hatte gar keine Angst, keine Spur von Angst um ihr Leben.

Das war also damit gemeint! dachte sie klar und ganz überlegt.

Sie meinte damit ihr schönes, einsames Traumleben, ihr plötzliches Glück, die Betrübnis heute und das Ende hier am Bergweg, an der Gartenmauer. Es erschien ihr alles so außerordentlich folgerichtig und gut. Beinahe verwunderlich, daß sie das nicht schon vorher gewußt hatte, daß so ihr Weg und dessen Ende sein würde.

Aber es war dann doch die Täuschung einer über das Maß hinaus gespannten Gehirnerregung. Der Wilde, in dessen Hand sie war, war kein Tier, das Blut vergießt, um sich Erleichterung zu schaffen, es war nur ein gequälter Mensch, dessen Herz in seiner Not wohl einen Moment lauter schrie, als zur guten Manier gehört, der aber schließlich doch noch Du und ich unterscheiden konnte.

Er ließ sie los. Es wäre für ihn schöner gewesen, jetzt einfach das Letzte zu tun und mitsamt seinem lieben Mädchen hier am Weg rasch und wild zu sterben. Er war ein allzu konzentrierter Junge. Es war für ihn jetzt nicht mehr viel wert, was nun noch kommen konnte.

Er hatte auch das Fragen vergessen nach Wann, Warum und Wie. Es stand ja auch nichts mehr in Frage, es war eine zu müde Sache, jetzt noch den Mund aufzutun. Er ließ sie los, ordnete mechanisch etwas am Reitzeug, fühlte wieder, etwas bewußter, wie in seinem Arm tobende Schmerzen wüteten, schnallte den Zaum los, nahm ihn in die rechte Hand und ging gerade vor sich den Weg hinab.

Das Pferd stieß an einen Stein, es gab einen klingenden Ton. Unten am Wege stand wieder der Heckbusch, von dem vorhin der Schnee abgerutscht war. Hans Henning faßte das Pferd kürzer, damit es nicht noch einmal daran streife, denn es war noch einiger Schnee auf dem Busche, der auch noch hätte abgleiten können. Das wäre schrecklich gewesen. Weiter wußte er nichts.

Unten ging er gerade vor sich hin weiter, wie er heruntergegangen war. Die Dorfstraße entlang bis an den Pfarrgarten. Da wandte er sich rechts und stand vor seines Bruders Hause.

* * *

Justine stand vor der Haustür und lugte aus, denn ihr guter Kaffee konnte das Warten nicht vertragen. Da kam Hans Henning um die Ecke, den Arm in der Binde, das Pferd zerrend wie ein abgeworfener, maroder Reiter.