Ein brennender Schreck durchzuckte die Frau, im Moment war sie neben der Gestalt, die wie zusammengeschossen mit dem Gesicht auf der Erde neben dem umgestürzten Stuhle lag.
Sie kniete neben ihr. »Fritzchen!« Aber sie konnte den starken jungen Körper nicht mit ihren schwachen Armen bewegen. Sie stand auf, um Hilfe zu holen, da sah sie den Zettel auf dem Tische.
Sie nahm und las ihn und fühlte einen Moment, wie das Herz in ihr still stand. Ihr Gesicht bedeckte sich mit brennender Röte der Not, der Scham, um dies junge, herrliche Menschenbild, das hier in Schmach und Jammer vor ihren Füßen lag.
Den Zettel steckte sie zu sich.
Auch das noch! Er hat auch mit ihr zu spielen gewagt! Ein kraftschönes Leben zerrissen in Eitelkeit und Herzenskälte. O Gott, o Du Gott der Gerechtigkeit, triff ihn! Höre mich! Mann und Kinder und all mein Lebensglück hast Du mir genommen. Ich stehe in einer Wüste. Ich will nichts für mich. Aber höre den Schrei nach Gerechtigkeit. Triff ihn! Vernichte ihn, den Vernichter!!
* * *
Es kam über Nacht ein Westwind übers Land in großen, langen Stößen. Die Temperatur stieg um mehrere Grade. Als wieder neuer Schnee zur Erde nieder wollte, wurde er zu Regen. Es leckte von den Dächern und rutschte von den Bäumen. Große häßliche löcherige Vertiefungen fraß das laue Naß in die zarte weiße Schneedecke. Auf der Dorfstraße patschten die Pferdehufe, schlammten die Räder.
Die Kalesche des Doktors fuhr durch das Dorf. Sie kam von draußen herein, wo auf freiem Felde das Werk des Zertauens noch nicht so vorgeschritten war, aber hier auf dem höckrigen Pflaster spritzte der Schmutz bis hoch an das Verdeckleder hinan.
Überall steckten besorgte Gesichter aus den Türen und hinter dem Fensterglas. Um das Fritzchen war der Doktor doch noch nie geholt.
»Was ist denn los?« »Fräulein Fritzchen ist krank.« »Na nu! Uns' Fräulein? Aber nee!«