»Nein, warum sollte ich fort? Ich bin ja hier ganz gut.«

Mehr wollte er gar nicht wissen, er ging zufrieden seines Weges.

Am Nachmittag kam Besuch. Leopold Schultze, der Sohn des Fabrikbesitzers vom Laueschen Familiengut, und seine Schwester Melitta. Sie kamen wegen Gisela, sonst aus keinem Grunde. Herr Schultze jun. hatte eine aufrichtige, etwas weichliche Schwärmerei für sie, die zwar von seinem Vater, der mißlichen Geldverhältnisse auf Hohen-Leucken wegen, nicht mit Entzücken betrachtet, jedoch immerhin, aus Gründen einer Adelsverbindung durchaus gutgeheißen wurde. Nur hatte Herr Leopold, der ein sehr guter Sohn und ein weicher Mensch war, die strikte Weisung mitbekommen, nicht eher seine Wünsche in voller Deutlichkeit zu zeigen, als bis Giselas Zustimmung eine sichere Sache sei. Denn diese Familie war noch zu neu in dieser Gegend, um nicht eine solche Einführung, an der ein Korb hing, durchaus scheuen zu müssen.

Gisela hatte seit den letzten Wochen schon den Kopf voll von dieser Werbung und der Aussicht, eine Frau Schultze zu werden. Daher war Fritzchens wunderliche Erkrankung ziemlich spurlos an ihr vorbeigegangen. Eigentlich stand ihr Sinn nach anderen Dingen. Sie hatte gedacht, die beiden Rummelshöfer Söhne unter sich und ihre Schwester zu verteilen. Wie – daran war wohl kein Zweifel. Die verwandten Elemente zusammen, so daß nirgends Feuer und Wasser sich zu gesellen brauchten.

Sie war ein gar kühles, weltförmiges Menschenkind, in dessen geschickten Händen viel Unmögliches möglich wurde. Aber sie hatte auch ihre Abhängigkeiten, die sie armselig, bedürftig und ohnmächtig machten. Gregor, in seiner dörflichen Pfarre, von der Professur abgesehen, die ihr ziemlich sicher schien, war ihr doch immer noch der Liebere und Interessantere und Glänzendere, als Herr Schultze mit seinem Geld.

Wer zählt das Herzklopfen eines armen, auf Scheinbilder gestellten Mädchens, das zwischen der Frage: ob Schultze – ob Zülchow in grausamer Schwebe hängt, während schon der Sperling in ihrer Hand pickt und droben auf dem Dache die schimmernde, flüchtige Taube sitzt?

Auch der Sperling hat Flügel, er sitzt nicht ewig in Deiner Hand – mahnte das geängstigte Herz.

Wie sie dies Hohen-Leucken haßte in seiner kahlen Öde, wo man angewiesen war auf zwei, drei junge Leute, wo kein reizvolles Spiel der Eifersucht, kein keckes Wagen und Tändeln, kein prickelndes Wetterspiel von Gunst und Ungunst stattfinden konnte! Hier saß nur ein braver, langweiliger Freier in schwerfälligem Ernst: Nimmst Du mich – oder nimmst Du mich nicht? Und dahinten in Wirrnis und im unbekannten Land flackerte ein helles, prächtiges, vielleicht trügerisches Licht.

Sie fing an, nervös zu werden. Nur nicht allein mit ihm! Nur Aufschub, Aufschub! Es durfte nichts nach Ablehnung aussehen, und doch durfte auch nichts zu sehr ermutigen und dadurch beschleunigen.

Ja – das sind auch Kämpfe. Der eine hat es auf dieser Ecke, der andere auf jener. Tränen und Blut haben sie alle beide, und der Schein ist am Ende auch ein Sein.