»Ein Schlaganfall –«, sagte Frau v. Pohle leise. »Ihr armen Kinder –«

Wer findet sich im Wirbel solcher Schreckensstunde zurecht? Alles geht im Fluge, und doch kommt nichts von der Stelle. Man macht lauter Hantierungen, die nichts nützen. Man versucht dies und das, man steht beiseite und graut sich, oder man ringt die Hände und weint, was noch am wenigsten nützt. Da läuft Gisela durch das grüne Zimmer, wo sie vorhin gesessen haben, um aus Frau v. Pohles Stube Tropfen zu holen, sie sieht noch all das Kaffeegeschirr, die halbgeleerten Tassen, sie steht schaudernd still, da hört sie Herrn Schultzes Stimme einen ganzen wohllautenden Satz sagen. O schrecklich, schrecklich.

Frau v. Pohle hatte in allem Schrecken und Wirrwarr eine stille Freude am Fritzchen. Die hatte wohl vergessen, daß sie fror, und all das leere Blicken war fort. Sie hatte warme, ruhige, treue Hände. Sie grauste sich nicht und schüttelte sich nicht. Sie heulte auch nicht, wie das dumme Mägdevolk in den Korridoren. Sie tat, was sie hierbei wußte und konnte (viel war es ja nicht), und all ihr Empfinden war nur ein inbrünstiges Bitten: »Papa, bleibe hier, lieber Papa!«

Es vergehen hier schon Stunden, ehe der Doktor kommen kann. Man kann getrost über das Warten sterben, das ist nun einmal nicht anders. Manch armer Schächer im Dorf hat das schon seinem gestrengen Gutsherrn vorgemacht. Selbst der Förster, keiner von den Weichsten, hat ihm ein paarmal vorgestellt: »Zum wenigsten eine Diakonissin müßte her, gnädiger Herr.«

Jawohl! Wer soll das bezahlen? So ein Wesens um das bißchen Kranksein!

Er hatte schon recht. So ein Wesens um das bißchen Leben und Sterben. Was nicht mehr halten will, das reißt eben. Er hat auch nie geflickte Hemden tragen mögen. Nun behält er auch bis zum Schluß recht: die ganze Anstellerei hätte sich ihm nicht rentiert. Eine Diakonissin hätte heute auch nur daneben gestanden und zugeguckt, gerade wie es am Ende der Doktor tat.

Endlich war er da, aber zu sagen hatte er auch nichts. »Na ja – das ist eben so. Hab's schon lang' erwartet. Wäre es heute nicht gekommen, so käm es morgen, bei dieser Konstitution.«

Im Hof rannten die Leute, alle Ställe waren erleuchtet, keiner wußte warum. Das war auch »man eben so.« Im eisigen Winde wehte der Lichtschein aus den Wagenlaternen des Doktors.

»Er wird nicht mehr zur Besinnung kommen, es geht so hin«, sagte der Doktor. »Ich komme im Frühesten noch einmal heran, bis Mittag hält er es wohl noch aus.«

Man trug alle überflüssige Beleuchtung heraus, die letzte Nacht für diesen armseligen Erdensohn brach an.