Es war Fritzchen, die am besten an dies Sterbebett paßte. Gisela nicht, und die Frau, die in dieser Stunde doch eine Fremde war, auch nicht. Diese verstand das am ehesten. »Wir wollen uns im Nebenzimmer setzen«, sagte sie zu Gisela.
»Ja, ja, Frida war ja immer sein Liebling«, entgegnete Gisela mit etwas sentimentaler Betonung. Aber die Sentimentalität war in diesem Moment ganz ehrlich.
– Noch gehen die Atemzüge. Noch stöhnt und gurgelt und grunzt es aus der Kehle. Noch zuckt und arbeitet das Leben in dem Körper. Fritzchen sitzt auf seiner Bettkante und hält seine Hände, streichelt sein Gesicht. Manchmal ist es, als ob eine Beruhigungsmacht von ihr ausginge auf den umflorten Geist.
Nur eine verhängte Lampe brennt.
Mein Vater – was war denn unser Leben miteinander?
Wie leidenschaftlich wird das Fragen. Vater, Vater, ich hätte mehr mit Dir sein müssen.
Sie beugt sich über das Gesicht, es zu küssen, er merkt es nicht mehr. Die Abrechnung an Sterbebetten, das ist die bitterste, aber auch wohl die häufigste. Wenn der alltägliche Mensch, den man am Alltag vernachlässigt und nicht viel geachtet hat, plötzlich zur Erde stürzt und sein irdisch Teil zerbricht und aufgibt, dann steigt er wie im Nu in seinem Wert und Ansehen, dann sitzt der andere da und schlägt sich die leeren Hände vors Gesicht: Was habe ich verloren! Was habe ich versäumt!
Das ist die alte, gewöhnliche Geschichte.
Die Nacht ist lang, es kommt auch niemand, zu stören. Laß das Kind mit dem Vater allein einig werden. Es läuft am Ende doch nicht alles nur auf ein Abrechnen hinaus. Es ist doch noch ein vollerer Ton, der erklingt, wenn von zweien der eine gehen will. Viel Unbewußtes, das hier klar und hell wird, viel leuchtende, starke Liebe, die solange schlief, viel Herzenskraft, die niemand verlangte und niemand angerufen hat.
Eine kleine arme Handreichung, ein Helfen und Stützen, ein Trunk Wasser, ein beruhigendes Streichen der Hand, das bloße Dabeisein – das alles ist in dieser Stunde das Wirkliche, das Starke, das Einigende für ewige Zeit über die Kluft des Todes hinüber, das wiegt tausend Versäumnisse auf. So groß und so klein das Leben – so groß und so klein sind seine Formen. Ewigkeit und Sekundenzeit untrennbar verwoben.