Unselig Herz, das zwischen Ernst und Spiel sich selbst nicht mehr zurechtfindet! Das sich immerdar so trefflich selber zu regieren wußte, bis nichts mehr übrig blieb, regiert zu werden, als ein Häufchen leichthandlicher und wechselbarer Wetterfähnchen.
Gregor dachte nicht an sie.
Er dachte an den Juni-Nachmittag, als er Herrn v. Dörfflin von dem Sterbebette seines Vaters hinausgeführt hatte, weil er kein Recht besaß, dort zu weilen.
Mit welchem Rechte nun ging er an dieses Mannes letztes Bett?
Er war im Talar. Jawohl, er kam in der Kraft seines Amtes, als Diener der Kirche. Er war nur der Träger seines heiligen Rockes, der Vollzieher eines Befehles.
Er wußte, wen er dort finden würde und bebte nicht.
Frau v. Pohle kam, ihn zu holen. Gisela schloß sich an. Da sah er das Sterbebett und daneben den Engel auf der Wacht.
Er trat heran. Er sah, er konnte dem Bewußtlosen das Abendmahl nicht mehr reichen, noch ihm etwas sagen. Einen Augenblick stand er stumm, er dachte nun zu gehen.
Da kam der Geist über ihn. Er öffnete den Mund und sprach mit gedämpfter Stimme in einem edlen, schönen Tonfall von dem Leben und seinem Wert, von dem Tode und seiner Macht und von ihrer beider Bund. Er sprach von der Fülle der Formen innerhalb des Lebenskreises, von der Unerschöpflichkeit und Unzerstörbarkeit des Lebens, dem selbst der Tod nur eine Form, seine Entwicklungsbedingung ist. Von der Unergründlichkeit des Werderätsels, das das Weltall umfaßt und an die Gottheit rührt.
Es war keine Predigt, kühl abgewogen, auch keine Improvisation, bei der plötzlich der Gegenstand mit dem Redner durchgeht. Es war ein Anruf angesichts des Todes und seiner unabsehbaren Ufer. Gott! wo bist Du? Gott! laß uns Dich schauen! Mensch – wohin gehst Du? Warum warst Du? Warum bin ich?