»Du verstehst nichts!« sagte Gisela noch einmal. »Wir haben ja nichts gelernt, willst Du Wirtschaftsstütze werden oder alten grilligen Damen vorlesen oder als Kinderbonne Dich plagen? Und wer weiß, ob wir auch davon etwas verstünden oder nur angenommen würden.«

»Gisa!« rief Fritzchen mit wachsender Angst, umklammerte sie mit beiden Armen und rüttelte sie, als wolle sie sie aus einem schweren Schlaf aufrütteln, »es ist nicht möglich, Du kannst nicht, Du kannst nicht das wollen, aus bloßer Verzagtheit und Angst vor harten Stunden Dich selber einem Manne schenken, den Du gar nicht einmal lieb hast! O Gisa, besinn Dich doch nur, das ist ja grenzenlos schlecht und unwürdig! Du entehrst Dich und ihn! Was soll das werden Euer ganzes Leben hindurch – Gisa, ich will für Dich mitarbeiten, Du sollst sehen, daß ich's kann! Ich habe Kräfte und mir ist jede Arbeit gleich. Ein bißchen Geld bekommen wir doch auch noch mit, wenn alles verkauft wird. Gisa, das wäre die ärgste Rache, die Du an Papa nehmen könntest! Das ist überhaupt das Niedrigste und Schlechteste, was es auf Erden gibt –«

»Laß los! Frida! Was fällt Dir ein! Du drückst mich ja! Laß los! Was weißt Du, Kind –«

»Du bist auch nur augenblicklich in Sorge, und alles ist so dunkel. O tu nur das eine, Gisa, tu keinen übereilten Schritt. Laß Dir Zeit, dann wirst Du selber sehen –«

»Gnädige Fräulein, da ist noch 'n Weihnachtsbesuch«, sagte Jakob in der Tür. Man hatte das Knirschen von Rädern im Kies nicht gehört. Er hielt die Tür auf als ein fühlender Sklave, der schon im voraus katzbuckelt, aus der Fülle seiner Ahnungen heraus.

»Ach, Herr Schultze –«, sagte Gisela in grenzenloser Bestürzung und machte sich aus der Umschlingung der Schwester los.

Es war der junge Herr, Leopold, und er kam als Freier. Das sah Jakob, das sah Gisela, das sah Fritzchen. Die Stufen vor der Haustür hätten es sehen müssen, so prangte es aus ihm heraus.

Es war heiliger Abend, bei ihm zu Hause brannte der Christbaum, nun holte er sich nur noch die Braut dazu. Papa hatte es ihm geraten. So war alles in schönster Ordnung.

»Ich erlaube mir, den Damen meine Weihnachtsgrüße –« Er kam ins Stottern, es wehte doch wie ein frostiger Empfang von der erschreckten Gisela her. Herr Leopold hatte schwache Instinkte, sonst hätte er gemerkt, daß jetzt der unpassendste Moment war, den es geben konnte, er hätte Kehrt gemacht und sich lieber der Blamage vor dem Papa ausgesetzt, als länger dazustehen und den unwillkommenen Liebhaber abzugeben.

Da kam Frau v. Pohle herein. Sie hatte das Rädergeräusch gehört und nahm an, daß ihre Gegenwart jetzt nützlich sei. Im übrigen war sie in dieser Angelegenheit nicht leidenschaftlich und abwehrend wie Fritzchen. Sie fand: Wenn Gisela diesen Bund eingehen wollte, so war weiter nichts verloren, was man durch Hinderung ihres Vorhabens hätte retten können. Sie war eine kühle alte Dame, die die Dinge nicht mehr wichtiger nimmt, als sie sind. Will ein Mädchen lieber einen Geldsack heiraten, als arbeiten und Mühsal tragen, so soll man sie um Gottes willen lassen. An einer unwilligen und verzagten Mühsalträgerin gewinnt das Reich Gottes und das Menschenreich nicht viel. Laßt sie doch heiraten, zur Puppe werden und kleine Puppen kriegen. Wir sind auf Erden nicht so arm an guten, starken und blühenden Elementen, daß wir uns um die Masse der Zweifelhaften, Halben und Matten die Arme ausrenken müßten. »Wir« überhaupt! »Wir« können gar nichts. Gisela heiratet doch – Fritzchen reißt doch Himmel und Erde ein, um es sich selber neu aufzubauen. – »Wir« sind nur zum Zugucken da. Also ruhig Blut.