Sie übersah sogleich die Sachlage. Der Liebhaber als etwas unglückliche Figur, Gisela betroffen und ein Bild der Unschlüssigkeit, Frida kriegerisch bis zum äußersten.

Was ist es doch für eine treffliche Sache um die gute Erziehung! Man braucht gar keine geistige, seelische oder moralische Anstrengung, um als Frau von Welt solche Verlegenheitsbilder zurecht zu rücken. Frau v. Pohle bat, zu Tisch zu kommen. Sie war etwas stark »erstaunt« über den Besuch zu dieser Stunde, ließ ihn sanft und nachdrücklich fühlen, daß seine ungenügende Kenntnis der guten Form ihm hier einen kleinen Streich gespielt habe, begnadigte ihn dann aber immerhin wieder, indem sie ihn zu Tische lud. Die allgemeine Schwüle war abgelenkt, aber die Tatsachen blieben alle, wie sie waren.

Folgendes war das Bild dieses Abends.

Fritzchen, wie in Wehr und Waffen, bereit, jeden Augenblick loszuschießen, sobald eines von beiden dem Kernpunkt näherrücken würde. Herr Leopold, die Unglücksfigur des Abends, sich windend und würgend, als hätte er einen schlechtsitzenden Kragen um. Gisela, allmählich aus der Verwirrung zu sich kommend, ein Zwitter zwischen Trotz und Ergebung, und Frau v. Pohle, über dem allen, die Oberfläche beständig glättend und sich um das Brodeln der Tiefe kein Herzklopfen machend.

Sie sah mit einem innigen Lachen des Herzens auf ihren jungen Liebling am Tisch. Ach, es ist so wonnig schön, wenn man noch nicht mit seiner Kraft herumpufft, als hätte man einen Vorrat von Ewigkeit daran! Wenn man sich um irgendeine wildfremde Sache, die man nicht kennt noch übersieht, mit seinem ganzen Menschen ins Zeug legt und mit so prachtvoller Zuversicht an den Sieg glaubt! Die Jahre des Lächelns und Müdewerdens und Stilleseins kommen immer noch früh genug. Heil und Leben, wenn ihnen solche unsinnige, gedankenlose Kraftverschwendung brausend erst voranging!

Schlage Du Dich auch nur mit Deinen Enttäuschungen herum, Du, mein schönes Kind! Liege am Boden und schreie vor Wut, Empörung und Schmerz! Es gehört alles mit dazu. Wir sollen Dich alle beneiden um die Kraft, mit der Du Dein Leben lebst.

– – Und an dem Abend vollzog sich die Tatsache doch noch.

Leopold Schultze fühlte sich beständig von der Erwartung seines Papas gejagt. Er hatte immer dessen Hand im Nacken, sonst wäre die Entscheidung doch wohl noch verschoben worden. Aber das stärkte seine Schüchternheit wie Alkohol, er rannte einfach, wie mit zugekniffenen Augen darauf los. Das Fritzchen, vor dem er sich fürchtete, brauchte nur einmal aus der Tür zu sein, Frau v. Pohle zur Seite zu gucken, da flüsterte er wie im Sturm seine auswendig gelernte Werbung her. Gisela wurde wie mit Blut übergossen, sie sagte nicht Ja, nicht Nein. Das war ja nun aber auch Nebensache, die Hauptsache, die Erklärung, war geschehen.

So sicher ritt dieser schüchterne Jüngling auf seines Papas dickem Geldsack einher!

Von nun an versank er in ein seliges, befriedigtes Schweigen. Nach Tische, beim Durchschreiten eines dunklen Zimmers, faßte er sie um und küßte ihren Mund. Sie wehrte sich, halb entsetzt, aber das ist ja immer so. »Süße Gisela –«, flüsterte er.