Ja, Gisela Schultze muß ja am besten wissen, wie hoch ihr Einsatz gilt. – – –

Insofern hatte Frau v. Pohle recht: solch ein Handel geht meistens richtig auf, und der Verkäufer weiß schon so ungefähr, was seine Ware wert ist.

Mit diesem Knalleffekt konnte Frau v. Pohle abgehen, die Rolle in diesem Hause, die sie so stark und mit ihrem ganzen Menschen gespielt hatte, war aus. Sie mußte sich eine neue Stellung suchen, das war für sie wohl eine leichtere Aufgabe als für ihr liebes Herzblatt, das Fritzchen, das jetzt in der gleichen Lage war. Sie hatte Referenzen und Erfahrungen, und Fritzchen hatte beides nicht.

Vielleicht konnte diese als arme Verwandte bei den Schultzes bleiben? Inmitten ihres großen Schmerzes lachte Frau v. Pohle laut bei diesem Gedanken. Ja, da kennt Ihr mein Fritzchen schlecht! Arbeit und Mühsal kann sie viel ertragen und es wird denen, die sie lieb haben, weher tun als ihr, aber ein weiches Bett sucht sie sich nicht.

Das war Frau v. Pohles Zuversicht und Stärkung in den schweren Tagen, als der Abschied kam und die Zukunft sich dunkel und verworren auftat.

Herr v. Leisewitz-Deechow hatte in Berlin eine alte Cousine, die kränklich, halbblind und hilfsbedürftig war. Mit ihrer letzten Gesellschafterin hatte eben eine trubulöse Entzweiungs- und Verabschiedungsszene stattgefunden. Herr v. Leisewitz war noch etwas von seinem Gewissen geplagt, als er Herrn Schultzes rührige Helferschaft und den darauf eingeheimsten Heiratslohn gesehen hatte. Nun wollte er sich wenigstens um Fritzchen bemühen und verfiel als erstes Bestes auf diese Stellung bei seiner alten Cousine, die ein sehr hohes Gehalt zahlte und dafür sehr starke Anforderungen stellte, von denen er freilich nichts wußte. Sollte aber Fritzchen für ihre alten Tage sichergestellt sein, so mußte sie jetzt schon einige Jahre zusehen, wo sie Geld her bekam.

Es war damals auch der Wundermut und die Begeisterungskraft in ihr, die oft aus der einfachen Gegensätzlichkeit entspringen. Daß Gisela solchen unwürdigen, armseligen Entschluß gefaßt hatte, straffte ihr das Herz. Nun gerade! Sie hätte am liebsten Steine gekarrt in dieser brausewütigen Wallung.

Aber der öde Werktag mit seiner unfruchtbaren Mühe hatte etwas Niederziehendes. Wie oft nachher, erst im heißen Sommer, dann im kalten Winter, wenn sie spät abends in ihrer schlechten, engen, fast unheizbaren Stube saß, todmüde vom vielen Laufen, Treppensteigen, Besorgen, heiser vom ewigen Vorlesen, dumpf vom leeren Geschwätz – wollte ihr der Wundermut oft elend zusammensinken. Aber der große Sturm, der sie wachgerüttelt hatte, ließ sie auch hier, in der freudlosen Vereinsamung, nicht untergehen.

Erst, als sie noch ein Kind an der Seele gewesen war dem Unbegreiflichen und Zermalmenden gegenüber, war das Grauen vor dem Tode über sie gefallen. Aber in jener wunderbaren Nacht hatte das allmächtige Leben es besiegt.

Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg?