»Ich brauche auch keine Antwort!« rief der andere mit wildem Lachen. »Ich wollte Dich nur noch einmal wiedersehen – Dich Teufel, der mein und meines kleinen Fritz Leben zerstört hat –«
Er verstummte einen Augenblick, überwältigt von alten Gefühlen. »Ich suche Dich schon lange –«, sagte er mit wankender Stimme. »Ich mußte Dir doch erzählen, was aus ihr geworden ist, seit Du sie fortgeworfen hast wie eine leere Nußschale. Gestern habe ich sie gesehen! Der Leisewitz von den Dragonern, den ich traf, hat es mir erzählt, wo sie ist und – was sie ist. Willst Du's auch hören? Die Dienerin eines alten, grämlichen, kleinlichen Weibes! Aber eine stolze Dienerin, bei Gott! Die arme Hilfe, die ich ihr anbieten konnte – na, lassen wir das. Ich konnte sie ihr ja auch nur mit der einen Hand anbieten – Aber wem erzähle ich das, Du kaltes Gesicht –!«
Gregors Ausdruck riß alles wieder um. Besinnungslos kam die Wut über den Jungen. »Du Gesicht – Du Gesicht – ich will Dich lehren, zu blicken – –«
Er ballte die Faust und schlug blindrasend dem Bruder ins Gesicht. Der taumelte zurück und schrie auf. Die Brille flog in Scherben nach allen Seiten.
»Ei ja!« rief Hans Henning laut gellend. »Das kann ich doch noch mit der einen Hand! Wird Dir jetzt bei Deiner Gottähnlichkeit bange?«
Dann warf er noch einen Blick auf ihn zurück, der wie ein Trunkener taumelte und sich Stirn und Augen mit den Händen bedeckte.
»Jetzt habe ich genug –«, sagte Hans Henning mit veränderter, schwerer Stimme. »Jetzt gehe ich nach Hause und arbeite und mache aus meinem Leben das Anständigste, was ich noch kann. Lebwohl! Ich hasse nicht mehr. Vielleicht kommt auch noch einmal ein Tag, an dem ich nicht mehr liebe.«
Er wandte sich ab und ging davon. Gregor nahm die Hände von der dröhnenden Stirn, von den matten Augen, die der Gläser beraubt waren, und sah ihm nach.
Er fühlte nicht Schmach oder Zorn. Noch einmal hatte sich mit seiner ganzen Wucht das Leben über ihn geworfen, ehe es ging und ihn in der Eiswüste zurückließ.
Bange vor der Gottähnlichkeit – hatte Hans gesagt. O ja, dies Bangen wird aufwachen, noch immer wieder, je und je, mitten wohl in seinen Königsstunden – eine niemals ganz verlöschende Erinnerung an das Leben, das er verraten und verleugnet hat.