Wie einsam zogen die Tage und Jahre über das Hohen-Leuckener Herrenhaus! Der Papa fuhr in die große Stadt, jahraus, jahrein. Er verlor seinen besten Freund, und er verlor auch seine anderen Freunde, die ihm gleichwertig waren.
Er hätte es wahrlich besser haben können, dieser traurige Ritter. Er hatte Haus und Hof, gute Freunde und Nachbarn und zwei liebe kleine Mädel. Was aber hatte er jetzt?
Sein kleines Fritzchen mit den großen Augen unter der schäbigen Mütze, seine feine stolze kleine Gisa – die zogen wie Nebelbilder an ihm vorüber. Es war hier ein Quell für ihn aufgesprungen, am Schneemorgen vor der Haustür, als sein Kind die Schlittenleine fallen ließ und zu ihm gelaufen kam – ein Quell, so heiß und tief und stark, wie er nur in einem sehnsüchtigen, leidenschaftlichen Kinderherzen entspringen kann.
Vielleicht, wenn dieser Mensch, der sich selbst verlor, ein klein wenig besser aufgepaßt hätte, sein Fritzchen bei Tisch oder beim Vorbeihuschen ein ganz klein wenig sich angesehen, ihren Ausdruck, den Sinn ihrer Bemerkungen hin und wieder mit offenen Ohren und Augen aufgenommen hätte – so hätte das für ihn die beste Erziehung werden können, die je das Leben ihm anbot. Diese Zuversicht, diese Erwartung (wenn auch oft allzu hoch gespannt), das lächerliche Vertrauen, das dies phantastische Kind auf ihn setzte, das sollte ihm wohl Peitsche und Sporn sein. Aber was war dies alles nütz, da er gar nicht einmal hinsah?
Es ist nicht wahrscheinlich, daß Gisa ihm viel geholfen hätte. Die hatte nie diese reine und ungetrübte Kindlichkeit besessen, wie sie bei Fritzchen fast zu sehr vertreten war. Sie konnte nichts dafür, daß sie so feine Öhrchen hatte, daß sie das Piepen in den Ecken, unter den Dielen, durch die Türritzen und Schlüssellöcher vernahm. Sie spann kein goldenes Gewebe um den armseligen Papa, an dessen Maschen er sich hätte festhalten und emporklettern können. Sie war die strenge Tugend, die den glimmenden Docht vollends austritt. Denn sie war eine hochmütige kleine Person, und ihr Stolz war verwundbarer als ihr Herz.
Darum darbte sie bitter alle die Kindheitsjahre über, während Fritzchen, das verträumte Närrchen, neben ihr schwelgte. Aber wer versteht diese Geheimnisse? Sand wird zu Gold, die Winde werden zu der wilden Jagd der Geister, und Blumen sprossen am dürrsten Stab. Oder: Sand wird zu Schmutz, die Winde löschen Deine Lichter aus und blasen Dir ins Gebein, und der dürre Stab zerbricht Dir in der Hand. Wer versteht das und kann das deuten?
Die verdrossenen Mägde auf Hohen-Leucken? Oder die verbildete und verdorrte Gouvernante, die im Laufe der Zeit die Bonne ablöste?
Jedermann trägt sein Erbteil mit sich, und wenn er auch nur erst ein kleines, halbvernachlässigtes Fräulein im einsamen Gutshause ist. Gisela versteinte, sie wurde immer vornehmer, immer feiner, immer klüger und immer kälter. Fritzchen lebte immer stärker und weiter, aber sie verwilderte dabei immer mehr, verstrickte sich immer hoffnungsloser in ihre Traumwelt. Sie saß mit Gespenstern zu Tisch und lief mit leichten und seligen Geistern über die Baumkronen dahin und bis in ihr Wolkenschloß hinauf. Sie wurde blaß und ihre Augen immer größer. Wenn man die beiden Schwestern einmal in der Stadt zu Besorgungen erblickte, sah sich alle Welt neugierig, mitleidig und auch wohlwollend nach ihnen um.
Drittes Kapitel.
An einem heißen Junitage kam ein reitender Bote aus Rummelshof durch das steinerne Tor der Hohen-Leuckener geritten. Herr v. Dörfflin stand zufällig im Hofe. Wieviele Jahre waren vergangen, seit der Rummelshöfer und all sein Zeug für ihn versunken war, und nun erkannte er auf den ersten Blick Mann, Livree, ja das Reitpferd wieder! Ein Ruck fuhr ihm durch's Gebein, er blieb stehen mit halboffenem Munde, atemlos. Der Knecht sah ihn, er sprang vom Pferde und nestelte einen Brief aus der Rocktasche.