»An – – soll's an mich –?«

Ja, so stammelte er, der Fassungslose, der Ausgehungerte.

Es sollte an ihn, aber die Handschrift kannte er nicht. Seine dicken Finger flogen, als er den Umschlag auseinander reißen wollte. Endlich gelang es. Der Bote stand stumm zuschauend vor ihm.

»Es ist vom jungen Herrn Baron Gregor.«

»Gregor –?«

»Sehr geehrter Herr v. Dörfflin! Vater ist sehr krank, und der Arzt gibt seit gestern wenig Hoffnung. Er wünscht Sie noch einmal zu sehen. Wir bitten Sie, zu eilen.

Hochachtend Gregor v. Zülchow.«

»Zu eilen!« Als ihn Liebesstunden riefen, als ihn Jagdfreuden riefen, da hatte er auch eilen können, aber so in den Stall gestürzt, so auf's Pferd gekommen, so über das in Juniglut zitternde ausgetrocknete Moor gejagt wie heute, das war er noch nie. Der Rummelshöfer Knecht bemühte sich vergebens, Schritt zu halten, es ging nicht, er blieb zurück, immer weiter, am Rande des nächsten Busches hatte er auf diesem Ritt Herrn v. Dörfflin zuletzt gesehen.

Ein armer Kerl, ein Verwaister, Verirrter, Verlorener, so stand er an seines Freundes Fritz Sterbebett. Der machte grimmigen Ernst mit seinem Vorhaben. In Rummelshof herrschte der Typhus, die besten Männer gingen daran ein; er, der wohl der allerbeste war, auch. Es ließ sich mit guten Wünschen und heißem Jammer und starrer Hilflosigkeit nichts mehr dagegen ausrichten.

Ach, es war ein grausames Elend! Frau und Söhne standen herum und konnten zusehen, wie sie mit ihrem Schmerz fertig wurden. Das war gar nichts, fand in seinem Jammer Ludwig Dörfflin. Das war ein Schicksalsschlag, wie er jeden auf Erden trifft. Hatte er nicht vor einem Dutzend Jahren das Gleiche erlebt? Das hockt man aus und trägt's, so gut es geht. – Aber er, mit seiner Not! Jahre, Jahre, Jahre verloren, um solchen elenden Zankes willen! Ihn wiedersehen, nach dem er immer gehungert hatte – jetzt wußte er es erst, seit er den Pferdekopf aus Rummelshof unter seinem Tor hatte auftauchen sehen – und ihn wie wiedersehen! Dasselbe Gesicht – ach ja, aber wie bleich und lebenslos, entstellt und fremd! Und doch und doch dasselbe Gesicht!