»Ja, ja, es wird Zeit, Gisela, Kind, es wird Zeit«, sagte der alte Mann unruhig und ging in seiner engen, von hohen Bücherborden verstellten Stube hin und her. Gisela nahm ihre Bücher zusammen, denn ihre Konfirmandenstunde war beendigt, und folgte ihm mit den Augen.

Draußen war ein klarer Frosttag. Ging denn wirklich der Wind auch einmal schlafen auf Hohen-Leucken? Wie die Sonne auf dem Schnee glitzerte! Wie still die kahlen Bäume standen mit ihrer schweren weißen Last!

Pastor Baumann blieb stehen und sah hinaus auf die Tannen vor seiner Haustür, auf die steinerne Gartenmauer mit ihren wunderlichen Kronen aus Schnee. Ein Ackerwagen fuhr vorüber, der Dung drauf dampfte in weißen Wolken, die Räder knirschten auf dem gefrorenen Boden.

»Ich will's schon für Dich besprechen, Kind«, sagte der alte Pastor. Er nannte sie aus alter Gewohnheit noch immer Du. »Aber leicht wird's ihm nicht werden, fürchte ich.«

»Ach!« sagte Gisela wegwerfend.

»Ich meine –« sagte er hastig – »in anderer Hinsicht, meine ich. So ein Pensionsleben ist teuer –«

»Ach so –!« Gisela zog ein äußerst hochmütiges Gesicht. »Nun, daran wird es wohl nicht zu scheitern brauchen!«

»Nein, nein, gewiß nicht«, sagte der Pastor begütigend. Er sah wieder hinaus und verfiel in Gedanken. Man mag es ja den armen Kindern nicht sagen, was doch das ganze Land umher weiß. Wieviel Hypotheken mag er jetzt haben auf Hohen-Leucken? Ist denn das nur möglich, daß ein Mensch so seine Ehre und Pflicht vergißt?

Als Gisela hinaus war, sah er ihr nach, dann tat er Schlafrock, Käppchen und Pfeife ab und unternahm den sauren Gang. Wie selten gingen seine Füße über den ansteigenden Steindamm und durch das alte Tor! Und es war doch auch sein Beichtkind, das hier oben hauste. Freilich, das unhandlichste von allen, aber auch vielleicht das bedürftigste! Ja, aber Patronatsherr und Beichtkind in einer Person, das faßt sich oft schlecht zusammen. Herr v. Dörfflin war seit langen Jahren – seit den sechs verfluchten Jahren – weder für das eine noch für das andere zu sprechen. Mochte sein wegen schlecht bestellten Gewissens!

Die Sonne schien gerade in sein Arbeitszimmer, als der Pastor eingelassen wurde. (Arbeit? Drei Fragezeichen. – Na ja!) Die Luft war voll Zigarrenrauch und Weindunst.