»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Pastor?« So formell wie möglich.

Das alte Männchen war hochfahrendes Wesen nicht gewöhnt. Er konnte es nicht vertragen, er verstand es nicht. Er konnte nur zu den armen, kranken oder sündhaften Leuten gehen, dort fühlte er sich sicher in der Kraft seines Amtes. Sie liebten ihn dort, ehrten ihn und steckten willig seine Strafreden ein. Die störrigsten Böcke hatte er schon zahm gekriegt. Aber dies ist hier so anderes Holz, man weiß nicht, es anzufassen. Die Formen der guten Gesellschaft haben so etwas Lähmendes für den alten Pastor, der selbst ein Handwerkersohn war und sie nicht zu handhaben weiß. Sie kommen ihm dadurch so ungeheuer und wichtig vor. Ja, das ist eine traurige Geschichte. Herr v. Dörfflin, der Sünder, sitzt oben, und Pastor Baumann, der Gerechte, sitzt unten.

Was das nun für ein elendes Gestöckere wird wegen Gisela! Verächtlich schaut der Gutsherr drein. »Deshalb kommen Sie her, mein Herr Pastor? Aber natürlich kommt das Mädchen fort. Nach Berlin wahrscheinlich. Wie kamen Sie auf die Idee, daß ich sie hier behalten wollte? Übrigens danke ich Ihnen für die Teilnahme. Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?«

»Danke, Herr v. Dörfflin, ich vertrage so starke Zigarren nicht.«

»So? Schade. Na, also nochmals besten Dank.«

Das war die ganze Unterredung. Er geht wieder den Steindamm herab durch's Tor, auf die Dorfstraße. – Sie sind kurz, diese Wintertage! Sieh, welchen Schatten schon wieder die Scheune wirft! Und da ist er ja auch wieder, der kalte Blasius aus dem Böllinger Steinloch, der über die kahle Ebene kommt, dem Pastor in die Rockärmel fährt und wie ein frecher Bube mit seinen weißen Haaren spielt.

Ach, altes Herz, Du bist unwürdig Deines Amtes! Wie lange Jahre wird es nun wieder dauern, daß Du Dich in Dein Häuschen verkriechst und nicht wieder in die Region des Herrenhauses hinaufsteigst!

Der Gedanke klopfte freilich in dem überbescheidenen, eingeschüchterten alten Herrn nicht an, daß er seinem Patronatsherrn eine viel größere Respektsperson sei, als er sich jemals träumen ließe. Daß sein Amt, sein weißes Haar und sein reiner Wandel dem leichtfertigen Sünder da oben gar mächtig imponierte und ihn sich sehr klein fühlen ließ – und daß in diesem speziellen Falle Gisela nie aus dem Hause gekommen wäre, wenn er nicht diesen Gang unternommen hätte, der anscheinend so nutzlos wie möglich war. – –

Nun ging Gisela fort, nach Berlin, zu weitläufigen, reichen Verwandten, aber man hörte auf Hohen-Leucken oft von ihr. Bald fehlte es an einem Gesellschaftskleid, bald am Taschengeld, bald berichtete sie von notwendigen Verpflichtungen und forderte schleunigst eine hohe Summe.

Diese Briefe blieben keine Geheimnisse. Herr v. Dörfflin riß sie auf, meist morgens am Kaffeetisch, überflog sie, fluchte leise vor sich hin und ließ sie dann offen liegen. Fritzchen las sie alle.