Famos! Das war die Frage, die ihm am besten passen konnte. Er wurde blutrot über und über.
»Was geht's Dich an! Was fragst Du so dummes Zeug? Wer hat Dich aufgehetzt? Was geht's Dich an? Verhungern wirst Du wohl nicht, Mamsell Naseweis. Wer hat Dich aufgehetzt, wer hat Dir diese dumme Frage eingetrichtert?«
»Niemand. Ich frage aus mir selbst«, sagte Fritzchen.
»So schweige künftig aus Dir selbst!« brüllte er sie an. Damit versteckte er sich wieder hinter seiner Zeitung, er hatte keine Lust, zu sehen, was sie für ein Gesicht dazu machte. Aber seine Finger, die das Blatt hielten, zuckten, und wie ein kurzer Pistolenschuß kam hin und wieder hinter dem Papier ein grollendes Gemurr heraus.
»Solche Sache! Albernheit! Möcht' nur wissen, ob wir als Kinder – Na ja, überall neue Moden –«
Das Fritzchen war ganz still geworden, es sah unverwandt auf den Papa, wenn es auch vor der Zeitungsmauer nicht mehr sehen konnte als die nervös zuckenden dicken Finger und oben darüber einen Busch des struppigen Haares.
Es gibt Erlebnisse, die fliehen vorüber wie die Wolken draußen, wenn der Wind sie jagt, sie huschen auch über den Kaffeetisch, springen aus dem Knistern der Zeitung, fletschen koboldhaft aus den Spitzen des struppigblonden Haarbusches, man kann sie nicht festhalten, sie sind da und doch nicht da – und sind doch mächtige Geister, die das Heute vom Gestern scheiden. Ein zwölfjähriges Fritzchen hat gefragt, hat kindisch eine ausfüllende Antwort verlangt – und eine erwachende junge Menschenseele schaut jählings in den aufgerissenen Abgrund von Schein und Sein, von Trug, Jammer, Lebensangst und unlöslicher Wirrnis.
Der Wind jagt die Wolken vorüber, und es weiß keiner mehr, woher sie kamen und wohin sie gegangen sind. Fräulein Miller kommt, das Kind in die große Schulstube abzuholen mit den acht Turmfenstern. Es ist jetzt Sommer geworden, aber Fräulein Miller hat noch immer den Schnupfen. »Wird es auch wohl jemals so recht heißer, schöner Sommer auf Hohen-Leucken?« so lautet eine immer wiederkehrende Passage in ihren Briefen an ihre Angehörigen. Das ist übertrieben, aber unten im Dorf, im Banne des Nebelrings, ist auch die Hitze nur dumpf, lastend und ermattend.
Fritzchen wurde plötzlich fleißiger. Sie sah nicht mehr nach den Wolken aus, sie arbeitete wie noch nie. Fräulein Miller vergaß selbst ihren Schnupfen. »Aber liebes Fritzchen, das geht mit einem Male alles! Willst Du mir die liebe Gisa ersetzen?«
Fritzchen sah sie nur stumm an. Das Fräulein mußte gerade ihr Nastüchlein brauchen, darum konnte sie diesen Blick nicht sehen. Er war klar und still, aber dunkel.