Man will manchmal, wenn man noch zwölf Jahre alt ist und vor einer jähen Kluft steht, mit eigenen Armen Steine tragen und die Kluft damit füllen. Man hält das in allem Ernst für möglich. Man glaubt auch ohne weiteres, daß französische Vokabeln, Dezimalaufgaben und ein paar Touren am Strickstrumpf solche Steine wären.

Warum soll man es auch nicht glauben? Hilft es nicht, so schadet es doch auch nicht. Es ist ein solch' jauchzendes, stolzes Ding um ein sich spannendes Kraftgefühl!

Hin und wieder kam Gisela zum Besuch, erst zu Weihnachten, dann fand sie auch dies Fest draußen schöner als hier. Sie wurde immer fremder und immer feiner. Was sollte sie mit dem unwissenden, schlecht erzogenen kleinen Struwwelkopf anfangen, der immer noch seinen zerschnitzten Arbeitstisch am Turmfenster in der großen Schulstube hatte und am Ende sein höchstes Ideal im Rummelshof und seinen Bewohnern sah?

Wenn sie wieder fortfuhr in ihrem neuen, schönen Reisekleid, kam es Fritzchen doch manchmal als ein wunderliches, verkehrtes Ding vor, daß sie dableiben müsse, und daß nun wieder der alte Tageslauf anging, von vorn an, immer derselbe. Da wurde ihr heiß, und sie lief zum Papa.

»Ich möchte auch fort. Papa. Wie Gisa!«

»Ja doch. Wirst es wohl noch abwarten können. Nächstes Jahr.«

Das kam ein paarmal vor, dann stellte Fritzchen das Fragen ein. Das nächste Jahr kam bald, aber es sah genau aus wie das vorige. Papa hatte das wohl vorausgewußt und nur gelogen, um sie los zu werden.

Versprechungen nicht halten ist so gut wie lügen. – Was hatte doch einmal Gregor v. Zülchow über das Lügen gesagt?

Das ist schon lange her, aber seine Worte stehen mit Flammenschrift an allen Wänden. Fritzchen kann nichts anderes tun, als das, das ihr allein als Heiligtum geblieben ist, anzubeten und die von Phantasien überfüllte Seele am starren Werkdienst aufzurichten. Es ist kein Mensch in Hohen-Leucken, der dem Fritzchen v. Dörfflin die kleinste Lüge nachweisen könnte.

Es lag freilich auch kaum ein Grund vor, um jemals zu lügen, leider. Es gab keine großen Versuchungen. Fräulein Miller – ach, um die hätte es sich wohl kaum gelohnt, und der Papa –