War es wohl Tatsache, was die Leute sich erzählten, daß Herr v. Dörfflin mit seiner Tochter oft in Wochen kaum zehn Worte wechselte? Die Leute mußten es wohl wissen, er wußte es nicht und Fritzchen auch nicht. Trotzdem waren sie jetzt viel zusammen. Das ergab sich immer so, wenn der Sommer vorüber war, die Abende lang wurden und die Herbststürme um das Haus heulten.
Fräulein Miller hatte sich das kleinste Stübchen, das zu finden war, ausgesucht. Dort stand ein großmächtiger Kachelofen, und in dem bullerten die dicken Buchenkloben. Da war ihr und ihren hageren Gliedmaßen wohl. Da las sie Gedichte, Romane und schrieb an ihre Verwandten, daß in Hohen-Leucken schlechtes Wetter wäre.
In diesem Stübchen war kein Aufenthalt für Fritzchen. Für sich allein durfte sie auch kein Petroleum verbrennen, da zog sie mit ihren Büchern, Schulheften und dem ganzen Krimskrams ihrer bunten Traumwelt in des Papas nach Zigarren und Wein duftendes Zimmer.
Nein, sie sprachen nicht zusammen. Keins von beiden dachte daran. Sie trieben jedes sein Werk, eines vielleicht so nützlich oder so unnützlich wie das andere. Was der alternde, in Stumpfheit leise versinkende Mann für sich im Rauch seiner Zigarre, im Wein, in den Jagd- und Pferdebüchern und Zeitungen noch festhielt an Lebenswerten oder was er aus dem jungen, feinen, trotzigen Gesichtchen für sich noch ablas und neu gewann – das waren dunkle Geschichten, die keiner enträtselte, weil keiner sich darum bemühte, der, den sie am meisten angingen, vielleicht am wenigsten.
»Die Gisela hat es doch viel besser!« sagten die Leute. Jawohl, sie lebte da draußen, sah viele Gesichter, hörte Musik, bekam neue Kleider – und das Fritzchen lebte hier mit dem alten mürrischen Papa, wurde von seinem Zigarrenrauch eingesponnen, las ihre alten Märchen und baute sich selbst neue und schönere –
Es ist ein wunderliches Ding um das »besser haben« in der Welt. Es scheint oft so leicht zu berechnen und ist doch eines der schwierigsten Exempel, die wir uns aufstellen können.
Der Papa sollte sich eigentlich über Fräulein Miller wundern, sie gab doch dem Kinde unerhört viel Schreibereien auf. Manchmal schrieb Fritzchen den ganzen langen Abend. Aber Fräulein Miller war nicht schuld daran.
Wenn Herr v. Dörfflin einmal seine Zeitung oder sonstige Lektüre fortgelegt und über den Tisch sich das Schreibheft seines Mädchens gelangt hätte, so hätte er so etwas wie ein kleines Wunder erlebt. Statt der Ausarbeitung oder des Aufsatzes hätte er eine seltsame, phantastische Geschichte in Händen gehalten, ein Märchen, wie er in seiner Kinderzeit es nie gehört hatte, und er wäre unmittelbar in dem Land drinnen gewesen, in dem sein Fritzchen lebte, webte und sich selber die ganze übrige Welt ersetzte, in dem es sie schuf. Er hätte auch auf bekannte Gestalten getroffen, denen nur ein Panzer oder ein Gewand flüchtig übergeworfen war: auf sich selbst vielleicht, vor allem aber auf die Jungens vom Rummelshof und wieder und wieder, von strahlendem Licht umleuchtet, auf Herrn Gregors kühle, hochmütige Erscheinung.
Fritzchen aber war im Laufe der Wochen und Monate todsicher geworden, daß die väterliche Hand niemals herübergreifen werde, und sie baute ihre Märchen, spielte mit ihren Gestalten und schüttete in königlicher Verschwendung den Farbenreichtum ihrer ganzen Seele in diese Gebilde aus.
Dadurch wurde aber auch ihres Vaters verqualmtes Zimmer ihr lieb und unentbehrlich. Und dadurch wurde ihr gesenktes Köpfchen mit dem rotbraunen Haar, dem trotzigen Mund, der herrisch verzogenen Stirn dem armen alten Landjunker auch lieb und unentbehrlich. Es kam einmal vor, daß Fritzchen Husten hatte und von Fräulein Miller zwei Tage lang ins Bett gesteckt wurde. Da dünkte ihm seine Stube leer, und die beiden Abende waren lang und langweilig ohne Ende. Er fühlte sich gequält und gejagt und wußte nicht, wovon. Die Zigarre ging ihm beständig aus, und der Wein widerte ihn an. Endlich stand er auf und tappte die dunkle, zugige Treppe hinan in das obere Zimmer, in dem Fritzchen lag. Dort brannte eine verhängte Lampe, am Bett stand ein Krug heißer, dampfender Milch und eine Selterflasche. Fräulein Miller war nicht da, sie war wohl gelaufen, eine Tasse oder sonst etwas zu holen. Fritzchen lag im fiebrigen Halbschlaf. Sie hob die Augen nur ein wenig, als er herankam.