Wenn sie ihn finden wollte, mußte sie zu ihren Märchengeschichten gehen, denn in Wirklichkeit zeigte sich Gregor nicht auf Hohen-Leucken. Er war ja dort gewesen, dem Willen seines Vaters gemäß; mehr zu tun dünkte ihm wohl überflüssig. So kam nur Hans Henning hin und wieder, brachte viel Freude und Lustigkeit mit und auch den Schimmer aus der anderen Welt, in der Fritzchen so Großes vermutete und nach der sie sich sehnte.
Gregor aber hatte wahrlich andere Dinge, die ihn beschäftigten. Es tat sich vor ihm das unermeßliche Seelenleben der Völker und Zeiten auf, das Ringen um Gotteserkenntnis und eine objektive Wahrheit – so alt wie die Menschheit selbst. Das tödliche Ringen mit der Erkenntnis von der ewigen Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit. Licht und Finsternis untrennbar verwoben. Das ewige Rätsel von dem Sein, in dem alle Rätsel von Woher und Wohin, von Gut und Böse, von Werden und Vergehen zusammenlaufen.
Es saß ein kleines Mädchen und dichtete tolle Märchen von ihm. Aber er ging in der Fülle des Lebens, trank von allen Bornen und zeigte keinem, auch den Freunden nicht, auch Mutter und Bruder nicht, die Erschütterungen, die ihn durchwühlten.
Einmal vor vielen Jahren, als die Jungens noch klein waren, hatte Herr v. Zülchow unter dem Weihnachtsbaum zu seiner Frau gesagt: »Sieh' Dir doch mal die beiden bei dem Schaukelpferd an! Hans der Schlingel, kann sich doch freuen wie ein Wilder, aber Gregor bleibt immer gelassen. Wo hat nur der Junge diesen Schuß Eiswasser im Blute her?«
Was tut nun der Junge mit dem Eiswasser im Blute, als er den heiligen Weltgeheimnissen dicht gegenübersteht?
Wenn er, der Hohe und Stolze, von seinem kühnen Sattel einmal herunterspränge und in das verqualmte Herrenzimmer in Hohen-Leucken überm Moor zu dem armen kleinen törichten Fritzchen ginge und ihm sagte: Du reiches, heißes, junges Kind, gib mir ein wenig von dem, was Du zu viel hast! – ja, dann könnte etwas Großes und Schönes sich vollziehen. Dann könnten die tiefen und echten Erschütterungen, die dieses Menschen Wesen ergreifen, den Frühlingsstürmen gleich sein. Dann könnte über dem ewigen Menschheitsdrang ins Dunkle, Unerklärte hinein, die klar-eisige, kühle Vornehmheit einer adligen Gesinnung, die ihre Grenzen kennt, wie ein Königszepter stehen. Dann ist der Priester der Vermittler, der Sprecher Gottes unter den Menschen, in seiner höchsten Idee erreicht.
Aber es ist ein weiter dunkler Gang, der über so ein Moor führt, und es hängt vielleicht eine Lächerlichkeit an solch einer Art von Bittgang. Gregor v. Zülchow kann viel, und die Menschen wissen es und staunen ihn an – aber etwas, das sehr dazu gehört, wenn man ein tüchtiger Mensch werden will, das kann er nicht und wird es nie können: sich lächerlich machen, sei es vor anderen, sei es vor sich selbst.
»Er hatte keine Gestalt nach Schöne«, wird nie von ihm gelten. Er hatte große Gestalt und Schöne! Ach ja, er war ein schimmernder Held.
Fünftes Kapitel.
Als Fritzchen siebzehn Jahre alt war, kam sie doch einmal für den Winter in die Welt. Die reichen Verwandten, bei denen Gisela jetzt schon fünf Jahre war, zogen ins Ausland und wollten zum Schluß, ehe sie auch Gisa wieder abgaben, die beiden Schwestern einmal bei sich haben.