Fritzchen freute sich lange vorher wie toll auf diesen Winter. Sie träumte sich die wunderbarsten Abenteuer zurecht, die ihr dort begegnen würden. Mit ihrem Kopf, der an Märchen und Phantastereien gewöhnt war, malte sie sich das kommende Leben aus, als sei es nur eine Fortsetzung ihrer eigenen bunten Geschichte.
Das wurde nun anders. In den hellen, überhellen Räumen, unter den leichten, lauten, eleganten Menschen stand das Kind aus dem öden, entlegenen Moorwinkel wie verwirrt da. Man redete hier von Dingen, Büchern, Menschen, Ereignissen, von denen sie nichts wußte. Man lachte über Scherze, die sie nicht verstand. Man versuchte flüchtig, sie ins Gespräch zu ziehen und ließ sie dann wieder beiseite liegen.
Mit Gisa war es die alte Geschichte wie vor Jahren, als sie noch Kinder waren. Wenn Fritzchen sich bei ihr verkriechen oder sich an sie hängen wollte, schüttelte die sie heftig ab und tat, als kenne sie sie nicht. Sie war auch wie eine Fremde, beständig in lebhafter Unterhaltung mit Herren und Damen, elegant, gewandt, und wie es dem armen Fritzchen erschien, geistreich wie sie alle.
Auch die liebenswürdige Tante, bei der sie wohnten, schüttelte ein wenig den Kopf über dies verirrte Kind. »Aber Frida –« so hieß Fritzchen plötzlich – »Du mußt Dir doch wohl eigentlich noch einige Fertigkeiten und Kenntnisse aneignen.« Das entschlüpfte ihr eines Abends in der Kutsche, als sie von einer kleinen Teegesellschaft heimkehrten.
»Ja, es ist wirklich unglaublich!« sagte Gisela.
Fritzchen wurde trotz des Dunkels blutrot. Sie fand jede Empörung, auch die von Gisela, gerechtfertigt. Wie konnte sie nur so dumm und ungeschickt sein!
Am anderen Morgen nahm die Tante sich das verstörte Kind vor, ihm wieder Anweisungen zu geben. Aber wo war der Anfang zu finden? Die Tante war im Gesellschaftsleben aufgewachsen, sie kam mit einem Menschenkinde, dem diese äußeren Bedingungen fehlten, was es auch dafür einzusetzen haben mochte, nicht zurecht. Die Unterrichtsstunde verlief in peinlicher Unsicherheit auf beiden Seiten, sie brachte außer einigen ganz kleinen Erfolgen noch Mißverständnisse hervor und wurde klüglich nicht wiederholt.
Von nun an galt Fritzchen als die Einfalt vom Lande, die zu dem Amüsement der anderen berufen sei. Sie wußte das nicht, und durch die Schicht der Höflichkeit fühlte sie das nicht hindurch. Dazu war sie in Wahrheit noch allzu dumm auf diesem Felde. Aber das Gefühl endloser Fremdheit und Verirrtheit blieb.
Allerlei an der Luftveränderung bekam ihr nicht. Sie fühlte sich matt und fieberhaft und durfte mit ihrem Kopfweh ein paarmal zu Hause bleiben. Da erfand es sich, daß dies wieder ihre schönsten Abende wurden. Sie saß in einem traulichen kleinen Seitenzimmerchen und hatte das elektrische Licht ausgedreht, so daß nur der Laternenschein von unten ins Gemach fiel. Alle Gegenstände nahmen unbestimmte Formen an. Da kauerte sie sich voll glückseliger Behaglichkeit zusammen, und hier im fremden, beängstigenden Berlin, an fremder Stätte, wo ihr Herz trotz aller Mühe nicht warm werden wollte, fing sie wieder an, ihre bunten Bilder zu weben und zu spinnen. Der Abend verflog ihr unter den Händen, und sie erwachte wie aus einem schönen Traum, als es draußen lebendig wurde und die Ausgeflogenen heimkehrten.
»Aber Frida! Da sitzt Du noch! Es ist ja Mitternacht vorbei, weißt Du das nicht?«