Sie bekam freundliche Schelte, nur Gisela sah entrüstet aus. »Wäre sie mit uns gewesen, Tante, so wäre sie schon längst müde geworden.«

Sie war in einen liebenswürdigen, lustigen und eleganten Kreis geraten, der kleine Märchenfritz aus dem Wind- und Wolkenturm von Hohen-Leucken – aber sie hätte wohl noch in einen besseren geraten können. Es kamen hin und wieder Leute in den ihren hinein, die sahen sich nach ihr um und konnten sie danach eine ganze Zeitlang nicht vergessen. Und das nicht darum, weil sie sie als die Einfalt vom Lande amüsierte.

Im ganzen spielte sie ja hier die unvorteilhafteste Rolle, die solch ein unbehauener junger Menschenblock zwischen all den gehobelten, glatten und strahlenden Figuren und Figürchen spielt. Es ist eine gar ehrliche Tragik um diese Rolle.

Wo sollte sie nun hin? Wo paßte sie nun hin? Immer nur in ihr altes ödes Heimatshaus, das hier so sichtlich verachtet wurde? Was jeder hier konnte: glatt in dieser Gesellschaft aufgehen, das konnte nur sie nicht? Woran konnte es nur liegen als an ihrer hoffnungslosen Dummheit, daß sie sich hier stets zur Freude gewaltsam zwingen mußte und erst wieder los und ledig fühlte, wenn sie allein mit sich war wie an den schönen Kopfwehabenden?

Der kleine Märchenfritz konnte es nicht wissen, daß er nur falsch gelaufen war, daß es für ihn noch schöne und lustige Wege gab, auch außerhalb des Nebelrings von Hohen-Leucken. Er kam im nächsten Frühjahr, ziemlich zerbrochen in seinem Selbstgefühl und zerfallen mit sich und der ganzen Welt ins Vaterhaus zurück.

* * *

Gisela war mitgekommen. Deren glänzendes Leben hatte jetzt vielleicht für immer ein Ende. Das war eine harte Nuß für das verwöhnte Kind der Welt.

Drei Menschen sitzen im kalten, mürrischen Hause und warten, daß es Sommer wird über dem Moor. Für Fritzchen freilich ist der Sommer im Grunde heute schon da, trotz Schnee, Hagel, Aprilsturm und Nässe. Aber sie will es nicht – nichts will sie wissen, hören, fühlen. Sie will hier nicht glücklich sein, weil es doch nur ein neues Zeugnis ihrer Dummheit ist. Aber was hilft's, daß sie nicht will? Sie sieht das Moor und sieht die Wolken, sie riecht Papas Zigarren und sieht sein rundes, rotes, brummiges Gesicht, sie rennt durchs Haus und über die zugigen Treppen, es zieht und pfeift aus allen Ecken, Jakob klappert mit dem Mittagsgeschirr, ihr alter Tisch steht noch am Fenster – alles ist, wie es war – ach Fritz, Fritz, was tut man mit all der Freude, und wenn man auch noch so klug sein möchte!

»Papa, was hast Du den ganzen Winter angefangen?«

Herr v. Dörfflin sieht nicht wohler aus seit dem Herbst, als Fritzchen abreiste, auch durchaus nicht lustiger. Ja, was hat er angefangen?