»Er hat gar keine abgegeben, gnädiges Fräulein«, sagte die Mamsell.
* * *
Damit fing der Verkehr im Herrenhause von Hohen-Leucken wieder an.
Es war jetzt doch alles anders wie ehedem. Alte, unliebsame Geschichten waren vergessen, Herr v. Dörfflin erschien als völlig unschädlich, und zwei junge, aufblühende Töchter waren im Hause. Giselas Ruf als Weltdame machte Karriere, sie hatte die Art, gleichzeitig zu imponieren und zu gefallen. Trotz ihrer Sicherheit und Gewandtheit war sie auch für die plumpesten Junker handlich, verstand auf die trivialsten Gegenstände mit entzückender Leichtigkeit einzugehen und ihnen dadurch den Glanz von etwas ganz Besonderem zu verleihen.
Es blieb nicht bei Hans Henning und den Eulers aus Tannenwalde. Es kamen die Bärs, die Leisewitzens, die Winkels dazu, ja eines Tages hatten Herr und Frau August Schultze mit dem Sohn und Erben Leopold, die drüben das Böllinger Rittergut dem verschuldeten Baron Laue abgenommen hatten, Besuch gemacht und waren nicht wieder los zu werden. Herrn v. Dörfflins Adelsstolz entsetzte sich, er war geradezu schmählich ungezogen zu diesem Besuch. Aber es war, als ob er mit aller Wucht seines Knüppels auf eine leere Haut schlüge, statt auf den Esel, so unschuldig blickte Herr Schultze drein. Nachher – lange Auseinandersetzungen mit Gisela. Die hatte sich mit Herrn Leopold sehr nett unterhalten, fühlte sich von seinen großen Reisen und seinem flotten Weltleben angeheimelt und wünschte durchaus, diesen Verkehr festzuhalten und: »lächerlich veraltete Vorurteile« beseitigt zu sehen.
Jawohl, es kam denn auch zu Tage, daß dieser Prozeß beseitigter Vorurteile und demnach einer Aufnahme Herrn Schultzes in den Verkehrskreis bei den Winkels, den Leisewitzens und verschiedenen anderen bereits längst in aller Stille vor sich gegangen sei, und Herr v. Dörfflin hatte jetzt nicht mehr Mark und Ausdauer genug, um eine so völlig isolierte Wut- und Abwehrstellung festzuhalten. Herr August Schultze mit Familie gehörte danach also auch zu den Besuchern von Hohen-Leucken.
Es kam noch bunter. Die beiden jungen Töchter wurden eingeladen, und Gisela fand, obwohl es ihr selber Unbequemlichkeiten machte, daß eine Gesellschaftsdame hier jetzt unumgänglich nötig sei. Herr v. Dörfflin sagte: »Verdammter Unsinn, da wird nichts draus!« Fritzchen machte ganz entsetzte Augen und rebellierte dagegen. Aber Gisela war die einzige, die etwas von solchen Dingen verstand, die Dame wurde verschrieben, und im nächsten Winter war sie da. Es war die Witwe eines Offiziers, von Adel und außerordentlich mit den Formen der feinen Welt vertraut. Sie hieß Frau v. Pohle, war energisch und trotz aller Weltförmigkeit voll tiefer, ruhiger Güte. Ein stürmisches Leben hatte sie hart geschüttelt, so daß sie nicht mit den Ansprüchen eines verwöhnten Herzens nach Hohen-Leucken kam. Das nüchterne, häßliche Haus, der verbummelte Mensch, der hier Hausherr war, die beiden verschieden gearteten und verschieden geleiteten Töchter, die stumme, kahle Einsamkeit der Gegend, alles sprach ihr stark zum Herzen und bewog sie, hier ihre beste Kraft und Liebe, ihren feinsten Takt einzusetzen, um auf diesem verwilderten Felde doch noch eine gute Saat zu ziehen.
Fritzchen begriff es schlecht, was für sie da kam. Sie hatte bisher auch nur dürftige Erfahrungen mit den Gestalten ihrer Umgebung gemacht. Es war ein zur Not mit ihnen Fertigwerden gewesen, sonst nichts. Wo war die Hand, die sie behütet hatte, als sie ihren Träumen bis in die Wolken nachlief, oder ihnen auf einem unerzogenen Pferde über Gräben und Brachen nachjagte – die ihr gegeben hätte, als sie hungrig und durstig war, die ihr den wirren Kopf mit seinem tollen Phantastenkram gestreichelt hätte, die sie geführt hätte, als die Wege sich verwirrten?
Immer sich selbst war dieser junge Vogel überlassen worden. Nun duckt er sich, nun huscht er davon, als eine feine Hand ihn fangen möchte. Er haßt die Käfige, die er vom vorigen Winter her kennt.