Gregor v. Zülchow trat aus Fritzchens Märchenbüchern heraus und stand in Fleisch und Blut vor ihr da.
In der Stunde, da dies geschah, da sie ihn, der ihr schon fast zu einer Sagengestalt verschollen war, in der Blüte seiner jungen Herrlichkeit wiedersah, da fielen alle ihre selbsterdichteten Märchen und Träume wie Schatten hin, wie Nebel, wenn der Morgen der leuchtenden Wirklichkeit kommt. Und von dieser Stunde an bis zu den Jahren, die ganz, ganz anders aussahen, dichtete sie kein Geschichtchen mehr.
Es war in Rummelshof zur Sommerszeit. Seit Frau v. Pohle im Hause war, hatte sich in der Auffassung der Gegend viel verändert. Selbst die Freifrau v. Zülchow, diese exklusiveste und empfindlichste aller Landedeldamen, fand es jetzt ganz natürlich, mit den Dörfflins zu verkehren, und sie selber betrat dieses Haus, das sie einst so tief mißachtet hatte, mit ihrem Sohn Hans Henning, dem jungen Offizier.
Hans Henning war gerade wie Fritzchen seiner ersten Kinderliebe treu geblieben, nur daß es bei ihm etwas weniger phantastisch zuging, aber nicht sehr viel. Er war ein offener, liebenswürdiger und starker Junge, mit der Einseitigkeit und dem Idealismus eines kräftig empfindenden, wenig philosophisch angelegten Gemüts. Er liebte mit großer Hingabe und stürmischer, vollkommen blinder Parteinahme alles, was ihm Natur und Verhältnisse nahegebracht hatten: seinen Beruf, seine Mutter, den Rummelshof und über alles seinen klugen, stolzen Bruder. Aber seine Liebe war von der Art, daß sie denen, die ihre Bequemlichkeit lieben, manchmal lästig fallen konnte. Er war zu gern in ihrem Dienst ein Raufbold. Es war vorgekommen, daß er einem Jungen, der das theologische Studium seines Bruders verspottet hatte, das Nasenbein eingeschlagen hatte. Seine Mutter hatte eine Menge Unannehmlichkeiten, Ängste und Kosten davon. Seine Lehrer klagten häufig über ihn, er war faul, wild und händelsüchtig.
Die Baronin Zülchow liebte solche Berührungen mit der Außenwelt nicht. Sie bekam dadurch eine Gereiztheit gegen ihren tollen Hans. Daß er im Grunde der weichherzigste Junge und der liebevollste Sohn war, konnte sie nicht recht versöhnen. Ihr wäre es angenehmer gewesen, er hätte ihr seine Liebe in Gehorsam und Wohlverhalten bewiesen, statt sie nur wie eine Sonne über seine Untaten leuchten zu lassen.
Für Fritzchen war er immer der beste Herzenskamerad und Mitwisser all ihrer Erlebnisse, Betrachtungen und Phantastereien. Nur um ihr schönstes Märchenland, in dem Gregor regierte, hing sie einen dichten Schleier.
Da kam der Sommertag auf dem Rummelshof.
Es war eine große Gesellschaft dort. Zwischen den Bäumen des Gartens waren Drähte gezogen, denn am Abend sollte Feuerwerk sein. Die Dienerschaft war verstärkt, aus dem tiefsten Dunkel des Kellers kamen die ältesten Weinflaschen ans Tageslicht. Die Baronin trug violette Seide, sie sah wie eine Königsmutter aus.
Alles war zu Ehren ihres ältesten Sohnes Gregor, der vor einigen Monaten in das Predigtamt in einer kleinen Residenz eingeführt war und heute zu seinem ersten Besuch seit Jahresfrist kam.
Wie es so kommt, der erste Moment, als Fritzchen ihn wiedersah, war ein Erstaunen: Ach – so sieht er aus? Das ist er?