Es ist wie eine leise Enttäuschung, oder wie eine Erlösung, ein Abfinden zwischen »war« und »ist«, zwischen Traum und Wirklichkeit. Es ist kein Wunder, wenn das Alte, das so strahlend und herrschend war, sich wehrt, zuckt, das Neue schlägt. Aber das Neue ist doch mächtiger. Es hat Klang und Farbe und Raum. Du stutzest, du läßt die alten Fäden fahren und schaust nur und schaust – und dein Herz, nach einem kurzen leeren Stillstand, setzt jählings mit einem Wirbel wieder ein. –

»Gnädiges Fräulein –«

Das war der junge Pfarrer, Gregor v. Zülchow, der im Gesellschaftsrock in einem der Rummelshöfer Zimmer ihr seine Verbeugung machte. »Ich habe schon die Ehre der Bekanntschaft aus früheren Jahren.«

»Ja gewiß –«, stammelte Fritzchen.

Sie schämte sich plötzlich zum Umfallen. Von diesem feinen, kühlen, wildfremden Herrn hatte sie Märchen ohne Ende gedichtet und noch dazu aufgeschrieben? O nein, o nein, das war ja ein ganz anderer!

Sie ging umher wie wirr unter all den Menschen. Vielleicht hatte sie in ihrem Leben noch nicht so reizend ausgesehen. Sie trug ein weißes Kleid mit Matrosenbluse, als sollte immer noch das Jungenshafte an ihr betont werden, aber ihr rotbraunes Knabenhaar hatte man jetzt wachsen lassen und es war in einen Knoten geschlungen. Nur zwei, drei rote Röschen aus dem Garten zu Hause steckten ihr im Haar und vor der Brust. Im ganzen sah sie zwischen all den sorgsam angezogenen Damen aus, als habe man sie eben in der Wiese eingefangen und mit hergebracht.

Sie sah und hörte nichts von all den Leuten um sie her. Wenn man sie ansprach, mußte sie sich erst besinnen, ehe sie eine Antwort zustande brachte. Auch das stand ihr reizend, es gab ihr den Anflug einer süßen Verträumtheit, der ihr ganzes Wesen dämpfte und reizvoll verschleierte.

Die wundersame Umwandlung der Traumwelt in die Wirklichkeit hatte sich vollzogen. Alles Vergangene war versunken und verhallt. Er trug keinen Panzer und keinen Helm, sondern einen schwarzen Theologenrock und einen hohen weißen Kragen mit schwarzem Schlips. Er hatte ein kühnes, schmales, bartloses Gesicht von niederländischem oder englischem Typus, und vor den düster ernsten, durchdringenden Augen trug er eine goldene Brille.

Nachdem der erste Wirbel vorüber war, fühlte Fritzchen sich unter all den Menschen so geborgen wie in einer lichten, goldnen Wolke. Sie schwatzte, lachte, und wußte schon in nächster Minute nicht mehr, was sie gesagt hatte. All ihr Tun war wie das Schwirren eines fröhlichen kleinen Vogels, der eben fliegen lernt. Es lag ihr gar nichts daran, immer in Gregors Nähe zu sein. Ja, sie spielte mit ihrem Glück, indem sie mit Hans Henning oder sonst einem lustigen Menschen viertelstundenlang in den Garten lief, Erdbeeren naschte oder in dem romantischen Parkteich herumruderte. Das bloße Gefühl, daß er ja da war, daß sie ihn in jedem Augenblicke, wenn sie nur wollte, sehen konnte, das krönte alles mit überirdischem Glanz.

Herr Pfarrer Gregor war ja auch der Mittelpunkt des ganzen Festes. Wie sehr ihm alles huldigte, und wie wichtig er, der blutjunge Mensch, hier genommen wurde, das erschien Fritzchen als die natürlichste Sache von der Welt.