Es war drei Uhr in der Nacht, er schlug auf den Tisch, daß die Gläser tanzten.
»Märzmüller«, sagte er lärmend zu seinem Getreuen. »Sind Sie lieber ein Packesel für andere Leute, oder nehmen Sie lieber selber den Gaul zwischen die Schenkel?«
»Ich nehme lieber selber den Gaul zwischen die Schenkel«, sagte der grüne Zechgenosse.
»He, so mach ich's auch! Was meinen Sie, ob ich wohl noch so 'ne Hecke nehmen kann? So 'ne ganz hohe, wissen Sie?«
Er war noch nicht so betrunken, daß er den Untergebenen in seine Pläne wirklich und deutlich eingeführt hätte. – –
Ja, diese Pläne! Sie konnten den Leuten, die ihn oder sein Haus lieb hatten, schon Sorgen machen. Anneliese Wurach, eine hübsche, sehr gewandte Person, war seit einigen Wochen bei einem einfachen Gutspächter der Gegend zu Besuch. Keinem Haus der höheren Kreise fiel es ein, sie heranzuziehen. Aber Ludwig Dörfflin war in Liebessachen nicht so ganz zurechnungsfähig. Daß er solche liebe kleine Frau gehabt hatte, war ein freundlicher Zufall, ein bißchen hatte er auch an ihr das Robuste, die Fähigkeit, sich in Szene zu setzen, vermißt. Auf dem Gutspächterhofe kam man ihm mit Handkuß entgegen, und das war er in seinen Kreisen nicht gewöhnt. An Fräulein Wurach lag es nicht, daß er die Werbung verzögerte, sondern nur an der (unter diesen Umständen) lächerlichen Zaghaftigkeit und Hochachtung vor seiner Erwählten.
Es war jetzt November geworden. Man mußte schon wissen, was der November bedeutete auf dem Wege durch die Ebene zwischen Hohen-Leucken und dem Rummelshofe, auf dem die Zülchows saßen. Die Winde hatten sich hier festgesetzt in den Buschgräben und hinter den kleinen Maulwurfshügeln von Anhöhen, an denen bergauf, bergab die Pflüger hinter dem Gespann gingen. Die Pferde, die den offenen Rummelshöfer Herrenwagen zogen, legten sich schief, um von dem gewalttätigen Blasius nicht aus dem Gleise gedrängt zu werden. »Haltet die Mützen fest, Jungens!« Hui, da flog dem Hans Henning seine schon über den Graben. »Spring nach, dummer Bengel, halt aber auch Deine Nase fest!«
Schwer, dick, massig hingen die Wolken am düsteren Himmel, der Wind kam ihnen kaum bei. »Wenn sich das ausschüttet, ist es Schnee«, sagte der Freiherr. »Wie lange sind wir gefahren, Jochen?«
»Zwei und eine halbe Stunde, Herr Baron.«
»So. Macht auf Hin- und Rückfahrt fünf Stunden. Jungens, daß Ihr zu meinem Patchen, dem kleinen Mädels-Fritz, gut seid! Sonst wäre es nicht fünf Minuten Fahrt wert gewesen. Dir besonders, Gregor, sag ich's. Tu Du heute nicht so ungeheuer zwölfjährig und untertertianerhaft, mein Sohn.«