»Tragik?« sagte Gisela lächelnd. Sie fühlte sich manchmal bewogen, über Frau v. Pohle zu lächeln. »Die wäre doch wohl nur konstruiert. Haben Sie gehört, daß die Möglichkeit vorliegt, daß er nächstens Hofprediger wird?«
»Hofprediger?«
»Ja, man sagte allgemein so. Das heißt, man flüsterte es sich zu. Die jüngste Prinzessin, Maria, soll eine starke Vorliebe für ihn haben, und sie vermag alles über ihren Vater. Sie hat Gregor Zülchow einige Male predigen gehört und ihn auch zu sich befohlen. Sie soll ihm große Avancen machen, man spricht in der ganzen Residenz davon.«
»Man spricht in der Residenz wohl so gern und viel wie überall«, sagte die alte Dame leise mahnend. »Doch kann es ja so sein. Der Weg, den Herr v. Zülchow geht, wird sicherlich nicht der gewöhnliche aller Alltagsmenschen sein. Er wird viele Abenteuer haben, die ihn »interessant« machen. Ach, meine lieben, jungen Freundinnen, es ist eine bange Sache um einen Menschen, der sich also vermißt, mit dem Leben und seinen Gestalten zu spielen, wie dieser Freiherr und Pfarrer! Denn im letzten Grunde läßt das Leben doch nicht mit sich spielen!«
Fritzchens Gesicht glühte. Hatte sie es nicht gewußt? Prinzessinnen kamen und suchten seine Gunst! Ja, wohl war sein Weg nicht der, den andere Leute gingen. Frau v. Pohles sonstige Randglossen hörte sie nicht. In ihren Ohren klang es wie süße, rauschende Musik.
»Der liebste aus diesem Rummelshöfer Hause ist mir der junge Leutnant«, sagte Frau v. Pohle. »Da ist Frische und lebendige Kraft. Der stellt sich des Lebens Dinge nicht wie Schachfiguren hin, damit beliebig nach rechts oder links, vor- oder rückwärts zu ziehen. Der lebt seinen Tag als frischer, unbekümmerter Junge. Der nimmt sich nicht selbst auseinander und setzt sich wieder zusammen. Der ist aus einem Guß!«
»Ach – Hans Henning«, sagte Gisela wegwerfend, in dem üblichen Ton, in dem man gewöhnlich von ihm sprach, von der Mutter herab bis zu den Bekannten des Hauses und den Reitknechten im Stall.
Frau v. Pohle lachte. »Das ist eine Geschichte zum Händeringen«, rief sie aus. »Wißt Ihr wohl, woran es liegt? Diesem Jungen schadete die Nachbarschaft seines glänzenden Bruders! Ihr alle habt, wenn Ihr ihn ansaht, noch das Blenden im Auge von dem anderen. Ja – Gregor! heißt es, und dann ganz sanft und barmherzig: Ach, der Hans! Ich möchte Euch hier wohl mal ein bißchen eine Predigt halten über Menschen und Menschenwert. Ich sage Euch, meine Lieben, dieser Herr Gregor, so totenernst, würdevoll, eisig und alt er aussieht, der versteht das Leben nicht und nimmt es im Grunde nicht so ernst wie dieser lustige, prachtvolle Schlingel, der Hans. Der wird seinerzeit verstehen, damit zu ringen und es sich untertan zu machen. Was dieser künftige Hofprediger damit anfangen wird – ach ja, da wird das Zuschauen kein großes Vergnügen sein. Er wird sich daran vorbeidrücken, denke ich.«
»So denken Sie?« rief Fritzchen mit ausbrechender Wildheit. Sie zerknitterte ihren Hut, daß das arme Stroh laut krachte und knirschte. »Ich denke anders! Alle denken anders! Herr Gregor wird sich nie an etwas vorbeidrücken! Sie haben ihn einmal gesehen, ich kenne ihn, als er noch Junge war. Er ist der bedeutendste und größte Mensch auf Erden! Ich lasse kein Wort auf ihn kommen. Ich habe ihn lieber als Himmel und Erde!«
Da war's heraus! Was tat es? Die ganze Welt konnte es hören, daß sie hier stand, bereit zu leben und zu sterben für ihn.