Achtes Kapitel.
– – – – Fritzchen saß bei der schwarzen Hede Marusch im Dorf, die im Bett lag und die Auszehrung hatte. Vor zehn Jahren und mehr hatte sie auf dem Schlosse gedient, Fritzchens schmutzige Kleider gewaschen und den Boden auch nicht reinmachen wollen. Sie war gerade so brav und nichtsnutzig, geschäftig und faul gewesen, wie die anderen Mägde auf Hohen-Leucken auch. Jetzt hatte sie einen Hofgänger geheiratet, hatte vier lebendige und zwei tote Kinder, und ging mit eiligen Schritten, als könne sie es kaum abwarten, dem Sterben zu. Sie hustete sich die arme Lunge heraus, und Fritzchen hatte Gelegenheit, in ein Bild des Jammers zu sehen, das von keinem freudigen Strahl erhellt wurde.
Sie kannte aus ihrem trübseligen Dorf diese Bilder von Jugend auf. Da liefen diese Mädchen und Frauen herum, arbeiteten sich ab, fingen an zu husten, und dann sahen sie mit heißen, starren, verzweifelten Augen aus ihren bunten Federkissen heraus.
Solange noch Lebenshoffnung glimmte, waren sie untertänig und voll schmeichelnder Dankbarkeit gegen ihr junges Fräulein, das sie zu besuchen und ihnen Erfrischungen zu bringen kam. Alte Frauen erzählten ihr geläufig von der Engelsgüte ihrer seligen Mutter. Aber wenn die Hoffnung erlosch, hörte dies alles auf. Dann sah der nackte Menschheitsjammer, dem hoch und niedrig zu leeren Lauten werden, ihr unverhüllt in das junge Gesicht.
»Wissen Sie noch, Fräulein«, sagte Hede Marusch, »als man mir meinen lütten Auta begrub? Da habe ich immerfort gebarmt, ich wollt mit. Nee, nee, Fräulein, man soll sich das nicht wünschen. Das Grab ist kalt, und all die Leute, die hier schon unter die Erde gebracht sind, machen es nicht warm. Und gucken Sie mal, die da –« sie wies auf zwei Kinder, die unten am Bett standen. »Wenn's mir auch noch so warm wäre, davon will ich ja gar nichts sagen – aber darum kriegen sie doch eine Stiefmutter – und es geht ihnen so, wie der Mine Schulzen ihren Kindern – –«
Sie brachte die Worte vor lautem Weinen kaum heraus.
Das Fritzchen war einer harten Wirklichkeit gegenüber aufgewachsen, in der Krankheit, Tod, Verlassenheit, Stiefmutterschaft und alles Elend unserer armen Erde in dichtgedrängter Fülle saß. Da verlernt man es, oder gewöhnt es sich gar nicht erst an, schöne Worte zu machen. Man könnte sie ja billig haben, wenn man sie wollte, und würde sich selbst wahrscheinlich recht getröstet von dannen heben. Aber Fritzchen war dafür verloren. Sie kannte hier die Leute, ihr Leben und ihre Leiden zu genau, um nicht zu wissen, daß Hede Marusch, und ob sie ihr jetzt die süßesten Worte sagte, doch starr daran festhalten würde, daß ihr Mann sich eine andere Frau nehme, und ihre Kinder in der Armeleutshütte, in der das Elend die Menschen hart machte, eine schlechte Stiefmutter und boshafte Stiefgeschwister bekommen würden.
»Arme Hede!« sagte sie. Sie kniete am Bett nieder und streichelte die magere, weiß-gelbe Hand. »Du hast es schwer auf dieser Erde!«
»Ja, da haben gnädiges Fräulein wohl recht«, klagte die arme Person. »Was ist's mit uns und unserm Leben? Arbeit und Schläge, wenn wir noch lütt sind. Arbeit und Sorgen, wenn wir groß sind und Hunger und Krankheit noch obendrein. Gnädiges Fräulein brauchen nicht weinen, die können wohl lachen. Da oben im Schloß tanzen und lachen sie, und zu essen ist noch alle Tage da, und dann haben sie auch nicht den Husten und die Beklemmung, und daß die lütten Jören dableiben müssen, wenn's nu alle ist. O Gott, o Gott, wenn ich nur einmal könnte aufstehen, ich wollte arbeiten wie nie! Aber sehen, gnädiges Fräulein, wie's damit ist: Gebetet hab' ich Tag und Nacht zum lieben Gott. Aber der hört nicht zu, der hört bloß auf die Reichen.«
Fritzchen kannte das alles: die Bitterkeit, die Anklage, die verstockte Verzweiflung. Man schifft nicht immer auf Wolken, man kriecht auch ganz unten und hört das Stöhnen der ärmsten Kreatur. Sie nahm Pastor Baumann nicht sein Amt ab, Ergebung zu predigen, oder stand ihm dabei zur Seite.